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4224 Ailehard.
Nun fleh' ich, mein Gebieter, hau' ab mein junges Haupt,
Daß, ſo ich dein nicht werde, kein andrer Mann mich
raubt! —“
„Gebiete deiner Furcht“, ſprach mild der junge Recke,
„Fern ſei, daß ſchuldlos Blut die Klinge mir beflecke. us
Der in ſo manchen Nöten ein ſtarker Hort mir war,
Wird mich auch heute ſtärken, zu werfen dieſe Schar.
Nicht Hunnen ſind die Feinde, es ſind nur dumme Zungen,
Die hier im Lande wohnen, ſind fränkiſche Nibelungen.“
Drauf deutet er mit Lachen nach einem Helm auf dem
Plan: 430
„Das iſt fürwahr der Hagen, mein alter Hunnenkumpan.“
Nun trat zum Höhleneingang der Held und ſprach von
dort:
„Vor dieſem Tore künd' ich nunmehr ein ſtolzes Wort:
Kein Franke ſoll entrinnend ſich rühmen ſeinem Weib,
Er hab' Waltharis Schätze gegriffen bei lebendem Leib, 455
Und...“ doch die Sprache hemmt' er und kniete zum
Gebete,
Gott um Verzeihung flehend für ſolche Frevelrede.
Dann hub er ſich und ſchaute prüfend der Feinde Reihn:
„Von allen dieſen Kämpen fürcht' ich den Hagen allein,
Der weiß viel böſe Liſten und kennt den Brauch des Streits, 440
Doch außer ihm, o Hiltgund, tut keiner uns ein Leids.“
Derweil Walthari dräuend Wacht hielt am Felſentor,
Sprach Hagen zu dem König: „O Herr, noch ſeht Euch vor!
Schickt einen Boten ihm, und friedlich ſei's geſchlichtet.
BVielleicht daß jener ſelber ſich bittend an Euch richtet 4s
Und Euch den Schatz ausfolgt. Die Antwort zeige den
Mann,
Es iſt noch immer Zeit, mit Waffen ihn zu fahn.“
Da hieß der König ausziehn Herrn Camelo von Metz,
Der dort als Frankenrichter verwaltet das Geſetz.
Der flog als wie die Windsbraut zu jung Walthari hin: 460
„Wer biſt du, fremder Degen, ſag' an, woher, wohin?“
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