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24. Das Waltharilied. 425
Der Held ihm drauf erwidert: „Erſt künde du die Mär:
Kommſt du aus eignem Willen, ſchickt dich ein andrer her?“
Stolz ſprach Herr Camelo: „Mich hat hierher entſandt
455 Als Herold König Gunther, der Herr in Frankenland.“
Walthari ihm entgegen: „Fürwahr, was ficht Euch an,
Zu ſpähn und auszuforſchen den fremden Wandersmann?
Ich bin von Aquitanien Walthari hochgemut,
Als Geiſel gab der Vater mich in der Hunnen Hut,
460 Dort mußt' ich ſeit verweilen. Itzt wandt' ich mich zu gehn,
Ich will die ſüße Heimat, die Eltern wieder ſehn.“
Da ſprach der Bote trocken: „Wohlan, ſo ſei bereit,
Den Goldſchrein mir zu liefern, dein Roß auch und die
Maid.
Nur ſo du ſchnell dich ſputeſt, dies alles herzugeben,
465 Will dir mein Herr belaſſen die Glieder und das Leben.“
Da rief Walthari kecklich: „Nie hört' ich größern Toren!
Wie kann dein König bieten, was ich noch nicht verloren?
Iſt er ein Gott denn, daß er mich alſo will berücken?
Noch trag' ich nicht die Fäuſte gefeſſelt auf dem Rücken,
Noch duld' ich nicht, gewundet, des Kerkers Herzeleid —
Doch billig iſt mein Denken: Und läßt er von dem Streit,
Goldroter Spangen hundert will ich ihm gern gewähren,
Ich weiß als fremder Mann des Königs Namen zu ehren.“
Der Bote ritt hinunter und brachte den Beſcheid.
25 Da ſprach zum König Hagen: „O nimm, was er dir beut,
Ich ahne Unheil ſonſt, mir hat verwichene Nacht
Ein Traum um dich, Gebieter, viel ſchwere Sorge gebracht.
Ich ſah ſelband uns reiten und jagen im Geheg,
Da trat ein großer Bär dir, hoher Herr, in Weg;
480 Das war ein hitzig Streiten, es hat das Tier zuletzt
Das Bein dir bis zur Hüfte zerhauen und zerfetzt.
Und wie gefällten Speeres ich beiſprang dir im Strauß,
Riß er mir ſelbſt ein Auge mit ſcharfem Zahne aus.“
Stolz ſchalt der König: „Wahrlich, du biſt des Vaters wert,
485 Auch der focht mit der Zunge viel lieber als mit dem
Schwert!“
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