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436 Ettehard.
Wie du den Freunden warſt ein Rächer und Vergelter! —“
Rief's — und mit güldner Kette erdroſſelt er den Schelter.
So lagen die Genoſſen erſchlagen allzumal,
Da ſeufzte laut der König und floh hinab ins Tal, 705
Auf des bewehrten Roſſes Rücken ſchwang er ſich
Und ritt zu Hagen hin und weinte bitterlich.
Er ſtrebt' ihn zu erweichen mit Bitten mannigfalt
Und ihn zur Schlacht zu ſtacheln. Doch jener ſagte kalt:
„Zu kämpfen hindert mich der Ahnen ſchnöd Geſchlecht, 800
Mir lähmt ja kühles Blut den Arm zu dem Gefecht.
Bleich war ja ſchon mein Vater, wenn er die Lanzen
ſchaute,
Und ſchwatzte feig, derweil ihm vor der Feldſchlacht
graute —
O König, wie du alſo geprahlt vor den Genoſſen:
Für immer in die Scheide haſt du mein Schwert geſtoßen!“ gos
Von neuem ging der König den Grimmen flehend an:
„Laß ab von deinem Grolle — laß ab und ſei ein Mann!
Und ſchuf dir auch mein Schelten viel Zorn und Ungeduld,
Ich will mit reicher Gabe wettſchlagen meine Schuld.
Zu viel des edeln Blutes ward heute ſchon vergoſſen, 810
Magſt du das alles ſchauen ſo müßig und verdroſſen?
Fürwahr den Schimpf wird nimmer das Frankenland ver⸗
winden,
Schon hör' ich unſre Feinde ziſchend die Mär verkünden:
‚Es kam ein fremder Mann, man wußte nicht woher,
Der tilgte ungeſtraft der Franken ganzes Heer.“ 8¹⁵
Noch wollte Hagen zaudern. Er ſaß und überſann,
Wie ihm Walthari einſt in Treuen zugetan.
Doch als ſein Herr und König mit aufgehobnen Armen
Kniefällig zu ihm bat, — da faßt' ihn ein Erbarmen,
Da brach das Eis im Herzen, ſein Antlitz färbt' ſich rot — s20
So er noch länger ſäumte, die Ehre litte Not.
„Wohin du auch mich rufeſt — o Fürſt, ich werde gehn,
Was nimmer ſonſt geſchah, die Treue heißt's geſchehn!
Doch wer war je ſo töricht, daß er ins offne Grab,
So wie es hier aufgähnet, freiwillig ſprang hinab? 825
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