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438 Ekkehard.
Daß nicht der König prahle, ich ſei dem Diebe gleich
Entflohn bei Nacht und Nebel aus dem Frankenreich. “
Er ſprach’s, und Dorn und Strauchwerk hieb er ſich rings
vom Hag
Und ſchloß den engen Pfad mit ſtachligem Verhack.
Mit bitterm Seufzen wandt' er ſich zu den Leichen dann.
Zedwedem Rumpfe fügte ſein Haupt er wieder an;
Gen Sonnenaufgang warf er kniend ſich zur Erde
Und ſprach das Sühngebet mit ſcharfentblößtem Schwerte:
„O Schöpfer dieſer Welt, der alles lenkt und richtet,
Gen deſſen hohen Willen ſich nichts hienieden ſchlichtet,
Hab' Dank, daß heute ich mit deinem Schutz bezwungen
Der ungerechten Feinde Geſchoß und böſe Zungen!
O Herr, der du die Sünde austilgſt mit ſtarken Armen,
Doch nicht den Sünder ſelbſt — dich fleh' ich um Er—
barmen:
Laß dieſe Toten hier zu deinem Reich eingehn,
Daß ich am Himmelsſitze ſie möge wiederſehn.“
So betete Walthari. Dann trieb er allſogleich
Der Toten Roſſe ein und band ſie mit Gezweig.
Noch ſechſe waren übrig. Zwei waren umgekommen,
Drei hatte König Gunther mit auf die Flucht genommen.
Dann löſt' er ſeine Rüſtung. Das war dem Hitzigen gut,
Mit frohem Zuſpruch ſchöpft' er der Jungfrau Troſt und
Mut,
Mit Speiſe und mit Trank labt' er die müden Glieder,
Und auf den Schild gelagert warf er zum Schlaf ſich nieder.
Den erſten Schlummer ſollte Hiltgunde ihm behüten,
Denn allzuſehr nach Ruhe gelüſtet's den Vielmüden.
Er ſelbſt behielt ſich vor die Wacht am frühen Morgen,
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Er wußt', da drohten ihm erneuten Kampfes Sorgen.
Zu Haupt ihm ſitzend wachte Hiltgund die Nacht entlang
Und ſcheuchte von den Augen den Schlaf ſich mit Geſang.
Bald hub Walthari ſich und brach des Schlummers Reſt
Und hieß die Jungfrau ruhen und griff zum Speere feſt
Und wandelt' ab und auf. Bald ſchaut' er nach den Roſſen,
Bald lauſcht' er an dem Walle. So war die Nacht umfloſſen.
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