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24. Das Waltharilied. 439
Der Morgen dämmerte. Es fiel ein linder Tau
s95 Auf Buſch und Blatt und Halm hernieder in die Au.
Zu der Erſchlagenen Leichen ſchritt itzt Walthari hin,
Die Waffen und den Schmuck zu rauben war ſein Sinn.
Die Panzer ſamt den Helmen, die Spangen nahm er zur
Hand
Und Schwert und Wehrgehenk. Doch ließ er das Gewand.
ooo Er nahm der Roſſe viere und laſtet' ſie damit,
Hiltgund aufs fünfte hob er, das ſechſte er ſelbſt beſchritt.
Erſt ritt er aus dem Walle, die Gegend zu erſpähn,
Und ließ die Falkenaugen ſich rings im Kreis ergehn.
Nach Wind und Lüften hielt er das Ohr gereckt und
lauſchte,
oos Ob nichts geſchlichen käme, ob nichts im Graſe rauſchte,
Ob nicht von ſchwerem Zügel ſich höb' ein fernes Tönen,
Oder von Roſſeshuf die Erde möcht' erdröhnen.
Doch rings lag alles ſtill. Die Roſſe ſchwer beladen
L Trieb er itzt vor und ſandte Hiltgund auf gleichen Pfaden,
910 Er ſelber führt den Gaul, der ihm den Goldſchrein trug,
Und ſchloß in Wehr und Waffen als Hüter den reiſigen Zug.
Sie hatten tauſend Schritte etwann zurückgelegt,
Da ſchaute Hiltgund um, ſie war vor Furcht bewegt,
Da ſchaute ſie vom Hügel herab zwei Männer eilen,
915 Die ritten ſcharf des Weges und mochten nicht verweilen.
Und zu Walthari rief die Jungfrau ſchreckensbleich:
„Das Ende kommt, o Herr! Zur Flucht itzt ſputet Euch.“
Walthari wandte ſich. Die Feinde nahm er wahr:
„Ich will ins Antlitz mir beſchauen die Gefahr.
92ͤ% Und winkt mir auch der Tod: viel beſſer iſt's, zu ſtreiten,
Als Hab und Guts verluſtig, einſam von dannen reiten.
Du, Hiltgund, nimm die Zügel und treib' das Goldroß fort,
Der dichte Hain dort drüben beut ſichern Zufluchtsort.
Ich will am Bergeshang mir einen Stand erkieſen
925 Und harren, wer da kommt, und ritterlich ſie grüßen.“
Die Jungfrau tat ſofort, wie ſie Walthari hieß.
Der machte unbefangen zurecht itzt Schild und Spieß
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