http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0449
448 Ettehard.
und einer hat noch eine lange Rede an unſere Herden ge—
halten: ‚Ihr guten Ziegen, ſeid verſchwiegen', ſprach er,
der Abt von Novaleſe braucht nichts von unſerer Geiſter
Entrückung zu wiſſen. *“
„Aber ſtehet mir einmal Rede, Bergbruder, was habt
Ihr in dieſen letzten Tagen ſo geduckt in Eurer Höhle zu
ſitzen gehabt? Ich hab' Euch wohl geſehen, wie Ihr viel
Hakenfüße und Runen auf Eſelshaut gezeichnet, Ihr habt
doch keinen böſen Zauber vor gegen unſere Herden und
Berge? Sonſt . “ er ſah ihn drohend an.
„Ich hab' ein Lied aufgeſchrieben“, ſprach Ekkehard.
Der Senn ſchüttelte das Haupt.
„Das Schreiben! das Schreiben!“ brummte er. „Mich
geht's nichts an, und der hohe Säntis wird, ſo Gott will,
noch auf Enkel und Urenkel herabſchauen, ohne daß ſie
wiſſen, wie man Griffel und Feder handhabt, aber das
Schreiben kann unmöglich vom Guten ſein. Der Menſch
ſoll aufrecht einhergehen, wenn er ein Ebenbild Gottes ſein
will, wer aber ſchreibt, muß ſitzen und den Rücken biegen,
iſt das nicht das Gegenteil von dem, was Gott angeordnet?
Alſo muß es vom Teufel kommen. Seht Euch vor, Berg⸗
bruder! und wenn Fhr mir noch einmal geduckt in Eurer
Höhle ſitzen wollet wie ein Murmeltier und ſchreiben: beim
Strahl! ich fahr' Euch als Alpmeiſter dazwiſchen und reiß'
Euch Eure Blätter in Fetzen, daß ſie der Wind verweht in
die Tannenwipfel. Ordnung mufß ſein hier oben und ein⸗
fach Weſen, wir leiden nichts Ausgeſpitztes!“
„Ich will's nicht wieder tun“, ſagte Ettehard lachend
und reichte ihm die Hand.
Der brave Alpmeiſter war am Sennwalder Rotwein
warm geworden.
„Und bei Donner und Blitz“, ſchalt er weiter, „was
ſoll das heißen, ein Lied aufſchreiben? Narrenpoſſen!
Schreibt's einmal auf, wenn Ihr könnt!“
Er hub einen Fodelgeſang an in ſo unmoduliert gröb⸗
lichen Naturlauten, daß auch das geübteſte Ohr einen mit
Wort oder Schriftzug darzuſtellenden Ton vergeblich
darin zu entdecken vermocht hätte.
10
20
25⁵
35⁵
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke3/0449