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Ekkehard. 501
kam, führte sie ihn, indem sie ihm in höherem Grade, als er selbst
wollte, eine Aufnahme bereitete, in sein dem ihrigen zunächst ge-
legenes Gemach an der Hand als ihren Meister, wie sie selbst sagte.
Da pflegte sie bei Nacht und bei Tage mit irgendeiner vertrauten
Zofe zum Lesen einzutreten, indem jedoch die Türen immer offen
blieben, damit, wenn jemand auch den Mut sich wagen würde zu
sagen, was da wäre, derselbe nichts Ungünstiges zu berichten hätte.
Dort fanden auch häufig Dienstmannen und Krieger, ferner Fürsten
des Landes die beiden, wie sie dem Lesen oder Ratschlägen nach-
gingen. Indem jedoch jene Frau bei ihren strengen und sehr wilden
Gewohnheiten den Mann oft erbitterte, bewirkte sie, daß er zuweilen
viel lieber zuhause als bei ihr geblieben wäre.“
Der Dichter selbst hat sich über die geschichtlichen Tatsachen
und Gestalten, aus denen sein Roman erwuchs, nochmal ausführlich
geäußert in jener Ausgabe des Waltherliedes, die er mit Holder zu-
sammen unternahm („Waltharius. Lateinisches Gedicht des zehnten
Jahrhunderts. Nach der handschriftlichen Überlieferung berichtigt,
mit deutscher Übertragung und Erläuterungen von Joseph Victor
Scheffel und Alfred Holder. Stuttgart, Verlag der Metzler'schen
Buchhandlung, 1874“). Die „Erläuterungen“ S. 107 ff. rühren im r.
und 2. Abschnitte („Des Gedichtes Charakter und Bedeutung in der
Literaturgeschichte“, „Des Waltharius Verfasser. Ekkehard I. von
St. Gallen. Gerald und Bischof Erkanbald von Straßburg. Ekke-
hard IV. und Erzbischof Aribo von Mainz“) sowie dem 4. („Der
Wasgenstein“) sichtlich zum größeren Teile von Scheffel her. Als
eine anmutige Ergänzung zum „Ekkehard“ setze ich daraus den Ver-
such Scheffels hierher, dem Leser die Art, wie das Waltharilied im
Kloster als Schulbuch verwendet wurde, in seiner Weise „an einem
frei entworfenen historischen Genrebild“ deutlich zu machen:
Nehmen wir an, das zehnte Fahrhundert neigt ſich ſeinem Ende
zu. In St. Gallen iſt Immo (975, geſt. 984) Abt, Notker Labeo (geſt.
29. Juni 1022), noch jugendlich, Lehrer der Kloſterſchule.
Der Abt hat als vornehmen Gaſt einen Feldhauptmann oder
Comes Stabuli des Kaiſers bei ſich und wandelt mit ihm in der Frühe
durch den mit Malereien geſchmückten Kreuzgang. Da tönt oben aus
dem Ausbau, darin eine Schulclaſſe bei offenen Fenſtern ſich übt,
luſtiger Knabenſtimmen metriſches Scandiren in die ſtillen Bogen—-
gänge herunter, daktyliſch und ſpondeiſch, wie der Lehrmeiſter kräftig
es vorſpricht:
wãlthãri ũs cõl ſẽgã mẽſũs rẽmẽ ãvĩt ãäb Hũnãs.
„Was haben die da droben?“ fragt der Gaſt. „Üben ſich me—-
trice“, antwortet der Abt. „Klingt aber nicht bibliſch“, ſagt wieder
der Feldhauptmann, „was iſt's für ein carmen?“ „Ein Kloſtergewächs“,
erwidert beſcheiden der Gefragte, „non canit alma dei, resonat sed
mira tyronis, nomine Waltharii, per proelia multa resecti! Unſer
Einer hat's vor vielen Jahren verfaßt, unſerer Lehrer Einer es ge⸗
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