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502 Anmerkungen des Herausgebers.
feilt und gebeßert; der es jetzt exponirt, Meiſter Notker, iſt dem erſten
Berfaſſer nahe geſippt. In den Straßburger Schulen iſt's auch ſchon
bekannt. Wollt Ihr mehr davon hören, ich thu Euch den Gefallen bei
der Tafel. Zwar iſt zur lectio ad mensas! heute des Walafrid Leben
und Ende des ſeligen Blaitmaic an der Reihe: der iriſche Martyr
kann warten.“ Freundlich nickt der Geladene zu.
Wie nun nach Mittag im ſäulenſchlanken Refectorium, vor wel⸗
chem der plätſchernde Springbrunn Kühlung in große Steinſchalen
niedergießt, die reiche Mahlzeit enden will, und aus der Mittelſäule
Bleiröhren, die zum Keller hinabreichen, des Weines reichere Sprudel
zum Nachtiſch emporquellen, da beſteigt als Lector heute kein ehr⸗
würdiger Graubart, ſondern der JFüngſten Einer die Wendeltreppe,
die auf den kanzelartig zugerichteten Einbau des Speiſeſales führt,
neigt ſich aus ſeinem Rundbogen ſittig der zahlreichen Geſellſchaft,
legt eine nicht gar große Pergamentſchrift auf den Pult und beginnt:
Tertia pars orbis, fratres, Europa vocatur.
Nur als des Beifalls, nicht als des Schlummers Zeichen nicken
die Hörer zu den klangvollen Abenteuern von der Hunnen Heerzügen
und der deutſchen Königskinder ſtiller Liebe und Flucht. Derweil die
Leſung eine Pauſe macht, an dem Abſchnitt da Walther fluchtmüde
den Schlaf vor der Schlacht ſchläft, ſind auch die älteren Kloſterſchuͤler
eingetreten und ſtellen ſich als Zuhörer auf. Wie aber der Lector mit
Haec est Waltharii poesis, vos salvet Jhesus
abſchließt, und der Plauſus verhallt iſt, ſtürmt das junge Volk hinaus
und ſchleppt aus der Rüſtkammer allerhand Lederhelme, panzerartige
Lederwämſer, ſtumpfe Lanzen, Schwerter aus Hartholz, Bogen und
Pfeile auf den Spielplatz unter den Linden des Hofes, und lächelnd
nähert ſich Notker mit der großen Lippe dem kaiſerlichen Kriegsmann:
„Die Jungen laſſen bittweiſe vortragen, ſo Ihr Muſterung geruhet ab⸗
zuhalten über ihren heutigen Ludus, ſo möchtet Ihr den Waltharius
noch weiter erläutert ſehen.“
Schon lärmen die draußen den Aufſeher an, daß er heute zu der
Spielſtunds Verlängerung ein Maulwurfsauge mache —
Circator sileat oculosque videndo reflectat.
O michi donetur, hodie sibi talpa putetur!
Mit Zuruf wird der Abt, mit ſtürmiſchem
Tu pater Elysiis videare quiescere campis!
wird Notker begrüßt, daß er den kriegskundigen vornehmen Zuſchauer
mitbringt. In Reih und Glied wird angetreten, hier Gerwurf geübt
nach dem Ziel oder des Gegners vorgehaltenem Schild, dort im Leder⸗
panzer der Schwertkampf geſtritten nach allen Regeln der Fechtkunſt,
und die Kleinen klatſchen, wenn's auf die Lederhelme hölzern auf—
patſcht. Dann ordnen ſich alle zum Ring, die geſchickteſten Zwei ſtel⸗
len ein Fechtſtück dar, wie Schwertangriff von der Lanze pariert wird.
1 Regula S. Benedicti cap. 38.
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