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8 Reiſebilder.
„Naturgeſchichte des Volkes“ unter ſteter Aufmerkſamkeit auf
alle ſprachliche und geſchichtliche Überlieferung war, wie jener
Männer Beſtreben, ſeine eigene angeborene Neigung gerichtet.
Denn man täte Scheffel ſehr unrecht, wollte man ſeine Be—
tätigung als Reiſeſchriftſteller lediglich aus literariſchen Anre—
gungen ableiten. Luſt und Fähigkeit dazu lagen ihm im Blute;
er hatte ſie, ganz in der beſonderen Art, wie er ſie übte, wohl
zunächſt von der Mutter als Erbe empfangen. Auch die Frau
Majorin reiſte mit Leidenſchaft, ſah mit lebhaftem geſchichtlichen
Anteil in die Landſchaft und ſtellte das Geſchaute in humoriſtiſcher
Spiegelung dar. Frau von Freydorf erzählt, daß Frau. Scheffel
im Jahre 1835 eine Rheinreiſe geſchildert habe unter dem Litel
„Humoriſtiſche Pilgerfahrt von Liborius. Lektüre zum Ausruhen
und Einſchlafen“. Der Liborius, ſagt der Bericht, „iſt eine
fingierte Perſönlichkeit, ein Pilger, der ſich der kleinen Reiſe-
geſellſchaft zur Fahrt auf dem Rhein anſchließt. Bei jedem
Ort, bei jeder Burg waren dann auch geſchichtliche Rückblicke ge⸗
geben“.
Den Sohn hat die Leidenſchaft des Reiſens lebenslang un⸗
ruhig umhergetrieben. Dieſen Schriftſteller duldete es nicht am
Schreibtiſch, nicht in der Stube; auch ſeine Muſe wollte nur
in friſcher Luft, unter freiem Himmel gedeihen. Aber nicht
ein ſchnelles Hineilen durch weite Strecken und Länder war
ihm Luſt, nicht den ſcharfen Reiz exotiſcher Natur hatte er
nötig. Er liebte ein ruhiges Marſchieren und bedächtiges Schauen,
und er hatte das Zeug in ſich, auch im VBaterlande Entdeckungen
zu machen. Gras und Moos, Waſſer und Wald, Bergeshöhe
und weite Umſchau taten ihm genug und das Leben auf freier
Straße mit ſeinen kleinen Abenteuern, dem Umgange mit natur-
nahen Menſchen und, nicht zu vergeſſen, der häufigen Einkehr
in den Wirtshäuſern an der Straße und ausgiebigem Erproben
deſſen, was die Landſchaft ißt und trinkt. Er war ein ſinniger
Wanderer, dem das Kleinſte zum Erlebnis ward, weil er trotz
der Brille ſcharf um ſich ſchaute und die Anlage wie die Kennt-
niſſe beſaß, die wechſelnde Flucht der Erſcheinungen mit dauern⸗
den Gedanken zu befeſtigen. Auch die Kenntniſſe. Nicht nur
daß ihm gelehrte Literatur über das zu durchwandernde Land
ſtets die Reiſetaſche zu beſchweren pflegte; der Nachprüfende hat
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