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Aus den Rätiſchen Alpen.
1.
Von Diſſentis bis Chur.
Die Abendͤglocken waren verklungen, und das leiſe
Glührot, das von den fern aufſteigenden Spitzen der Rä—
tikonkette ins Tavetſcher Tal grüßend herübergeleuchtet
hatte, war in das Nebelgrau der Dämmerung übergegan-
gen, als wir von den Höhen von Chiamut und Rüäras
herab im alten Diſſentis einzogen. Wer über die fähr—
lichen Päſſe der Oberalp herübergeklommen iſt ins Bünd—
ner Land, der denkt des Abends, nicht minder als an rauhe
Schönheit zurückgelegter Gebirgspfade, auch an ſichere
Herberge zur Pflege der müden Knochen. Dieſe findet
er aber zu Diſſentis am Fuß der weitaufſteigenden Kloſter⸗
mauern in hinreichender Fülle.
Bei würzigem Valtelliner Wein, in deſſen Unvermeid—
lichkeit in dieſem Gebirgsſtrich ſich der Wanderer gerne
fügt, und bei zartem Gemſenbraten, der erſten Beute der
am 1. September eröffneten JFagd, verſchwinden die knie-
zerbrechenden Erinnerungen, und bei der Wärme des pri—
mitiv geformten Ofens läßt ſich, wie am heimiſchen Win—
terabend, von alten Geſchichten plaudern.
Diſſentis ſelbſt und der bis jetzt durchwanderte Teil
des Oberlandes geben hinreichenden Stoff hiezu.
Leider haben die Kämpfe der franzöſiſchen Revolu—
tionszeiten hier die urkundlichen Quellen alter Kloſter—
geſchichte vernichtet.
Als 1799 der Bündner Landſturm gegen die Franzoſen
auszog und die unberufenen Gäſte aus dem ganzen Vor—
der-Rheintal bis gegen Chur hinab gejagt hatte, wurden
zu Diſſentis gefangene Soldaten von den Landſtürmern
niedergemacht. Noch zeigt man die enge Gaſſe.
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