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22 Reiſebilder.
Inzwiſchen hatte der Himmel ſeine Schleuſen geöffnet
und ſchüttete ſo intenſiv, daß beim homeriſchen Ziegen—
braten im Wirtshaus der Entſchluß reif wurde, den Weg
zu Wagen fortzuſetzen, wiewohl erſt in Flanz eine ſo—
genannte Poſtſtraße beginnt. Daß auch Fuhrweſen und
Roſſelenker in dieſen keltiſchen Talgründen ſich eines pri—
mitiven Zuſtandes erfreuen, ſollte uns bald klar werden.
Ein zwiſchen Wagen und Karren die glückliche Mitte
haltendes offenes Fahrzeug war bald herbeigeſchafft —
in Form und Konſtruktion wohl wenig von jener Eſſeda
unterſchieden, auf der in der Schlacht von Sentinum, nach
Livius, dereinſtmals die keltiſchen Gallier „unter Schnau—
ben der Roſſe und Getöſe der Räder“ zum Schreck der
Römer mitten ins Reitergefecht hereingefahren kamen.
An einfacher Deichſel wurde ein Klepper angeſchirrt;
die Stelle des Leitſeils vertrat ein aus roher Ochſenhaut
zugeſchnittener Lederriemen. Dieſer aber ruhte in den
Händen des würdigſten aller Wagenlenker — Foſeph
Antony hieß der Biedere.
Eine ſchützende wollene Zipfelkappe umſchloß ſein
Haupt, darüber ſaß der altertümliche, ſpitz gegipfelte
Filzhut; kurze Lederhoſen bis ans Knie, grobe, blaue
Strümpfe, Schuhe mit Holzſohlen bildeten Elemente
ſeiner Kleidung, die ſich etwa noch auf germaniſchen Ur—
ſprung zurückführen ließen. Entſchieden archaiſtiſch ge—
formt war aber Joſeph Antonys Frack: ſpitz ausgeſchnit—
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ten und mit langen, ausgebuchteten Flügeln verſehen, die
eine Wendung nach vorn nahmen. Es ward uns vollſtän-
dig klar, daß in dieſem Frack noch ein Stück Urgeſchichte
verborgen lag: es war dies ſicherlich jenes „eigentümlich
verlängerte Kamiſol der keltiſchen Handkärrner“, die Cari⸗
kella, die ſchon dem römiſchen Imperator dereinſt, ob
ſeiner Vorliebe dafür, den Spottnamen Caracalla eintrug.
Das Inſtitut der Peitſche war bis hieher nicht vor—
gedrungen; Foſeph Antony war mit einem Regenſchirm
bewaffnet, den er auf Hieb und Stich gleich gewandt gegen
1 Dem heutigen Saſſoferato im Jahre 295 v. Chr. Bgl. Livius, 10. Buch,
28. Kapitel.
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