Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 33
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Aus den Rätiſchen Alpen. 2. 33

Getrennt ſaßen Männer und Frauen; erſt wurde eine
jener feierlich ſtrengen Weiſen des altproteſtantiſchen
Kirchenlieds geſungen, während der die Männer noch das
Haupt bedeckt hielten, dann erſchien der Geiſtliche im
5 ſchwarzen Talar auf der Kanzel, und nach den üblichen
Gebeten predigte er über den Pfſalmvers „Saigniur Diu,
ti ess nos rifuggi saimpre e saimpre“ (Herr Gott, du biſt
unſere Zuflucht immer und allezeit), und beim klangvollen,
langſamen Predigtton war der Inhalt ſeiner Worte auch
10 dem ins Romaniſch nicht tief Eingeweihten verſtändlich —
ein einfaches Lob des Herrn Himmels und der Erde, der
das Menſchenkind durch alle Fährlichkeiten des Lebens
und aus dem „torrent della temporalité“, dem „wilden
Sturzbach der Zeitlichkeit“, zum guten Ausgang leitet.
15 Ein Choral ſchloß die Feier ab, und mit der Gemeinde ver-
ließ auch der fremde Beſucher erbaut das Gotteshaus.
Hier iſt das proteſtantiſche Weſen nicht Formalismus,
ſondern in Fleiſch und Blut eingewachſen; Geſchichts—
forſcher mögen dieſe Erſcheinung bei romaniſchen Sproſ-
20 ſen tiefer ergründen, als ſeither geſchehen, wo ſie von
Unberufenen auf „das kalte und unwirtbare Klima der
Gegend“ zurückgeführt wurde.
In langen Winterabenden, wo aus den ſchweren, mit
verſilbertem Schloß verſehenen Bänden Pſalmen und
25 geiſtlicher. Zuſpruch in der Landesſprache geleſen werden,
da wird auch noch von den alten Zeiten erzählt, wo die
Ahnen mit ihrem Blut die neue Lehre feſteten, und in
mehr als einer alten Bibel findet ſich als Anhang ein ver-
gilbtes geſchriebenes Blatt, „die Liſte der im JZulius und
30 Auguſt 1620 im Valtellin ermordeten Proteſtanten“ —
ein kahles Namensverzeichnis von mehreren Hunderten,
aber ſprechender als alle Gloſſen.
Die hugenottiſche Großmutter in Bergün geſtattete
freundlich die Durchmuſterung ihrer Bibliothek, die ſo
35 ziemlich die ganze Literatur der romaniſchen Sprache um—
faßte; denn außer den Bibelüberſetzungen und Gebet—
büchern, einigen Kalendern und heutigentags natürlich der
unvermeidlichen Zeitung iſt wenig gedruckt.
Scheffel. IV. 3


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