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34 Reiſebilder.
Hier in Bergün wird ſchon Engadiner Sprache ge—
ſprochen; außer der Bibel in der „lingua rumanscha
d'Engadina bassa“ war aber auch eine im Oberländer
Idiom, im „languaig rumonsch de la ligia Grischa“, ge—
druckt zu Chur 1718, vorhanden — zu Nutz und Erbauung
der Oberländer Dienſtboten des Hauſes.
Wie groß der Unterſchied zwiſchen beiden Idiomen iſt,
dafür mag als Probe die Überſetzung des Anfangs vom
erſten Buch Moſes dienen. In der Oberländer Spraͤche
beginnt die Geneſis folgendermaßen:
Vers 1) Enten l'antschetta ha Deus scaffien ilg
Tschiel a la Terra.
Vers 2) Mo la terra fora senza furma a vida, ad ei
fora scür sin la bassezia. Ad ilg spirt da Deus schaschera
sin l'aura.
Vers 3) Lura schet Deus: „Ei daventig Igisch!“ (Es
werde Licht! ad ei fò lgisch.
Im Engadiner Ladin aber heißt es alſo:
Vers 1) In il principi creet Deis il Tschel è la terra.
Vers 2) Mo la terra eira üna chiaussa sainza fuorma
e vocda. E scurezas eiran sur la fatscha dal abiss, eée il
spirt da Deis s' muveiva sur la fatscha dallas aquas.
VBers 3) E Deis diss: „Saia la lgũm!“ e la lgüm fuo uſw.
Daß das Unter-Engadiner entſchiedener und mit an—
dern romaniſchen Sprachzweigen verwandter klingt als
das mit germaniſchen Anſätzen ziemlich ſtark legierte Ober-
länder Zödiom, das z. B. ſtatt des echten creare für er—
ſchaffen „Scaffir“ ſagt, wird hieraus ziemlich klar, wiewohl
in Bünden ſelbſt noch heftiger Streit über den Primat
der einzelnen Dialekte geführt wird und diesſeits und jen-
ſeits der Berge jedes Tal das ſchönſte, wohlklingendſte und
gemütlichſte Romanſch beſitzen will.
Nach freundlichem Abſchied von den greiſen Wirtinnen
ſtiegen wir durch wilde Schluchten und einſame Eichen—
wälder, über reißende Wildbäche, meiſt der Albula ent-
lang, hinauf zu deren Quelle. Zwei Stunden über
Bergün, 6282 Fuß über dem Meere, liegt ein kleiner
durchſichtiger Bergſee, dem die Albula entfließt, und neben
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