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38 Reiſebilder.
getäfelten Wände, die mit kunſtreichem Schnitzwerk ver—
zierte Decke des Gemachs, an der unter doppelter Helm—
zier die Salisſche Weide und ein gekreuzter Pfeil als Wap⸗
pen des Hausherrn und ſeines Ehegemahls noch wohl
erhalten ſind; der ſchwere ſäulen- und arabeskenreiche
Wandſchrank, in welchem die alten Bibelfolianten und
engadeiniſchen Pſalmen und Gebetbücher als herkömmliche
Hausbibliothek nicht fehlen dürfen: alles gemahnt hier,
daß in die ſtillen Alpentäler wechſelnder Drang leichtfer—
tiger Mode nicht eingedrungen iſt, und daß, was die Vor—
väter ſolid geſchaffen, auch den Enkeln noch genügt; und
über dem gebräunten wappengezierten Ehebett flüſtert's
wie von alter engadeiniſcher Liebe aus den Tagen, da der
„Großvater die Großmutter nahm'“. Fn dieſem ehrwürdi⸗—
gen Gelaß ſollte ſich einmal ein ſinniges germaniſches Ge⸗
miüt einniſten, ſich mit Gemsbraten und Murmeltier red—
lich ernähren, aus altem Pokal den Valtelliner ſchlürfen
und aus den vergilbten Codices Herrn Gulers von Wynegg,
des würdigen Graubündner Feldhauptmanns und Chro—
nikſchreibers, und Herrn Ulrich Campbells?, des gelehrten
Paſtors von Süß, die verklungenen Geſchichten rätiſcher
Alpen ſeit König Noah, der ja, nachdem die Sündflut⸗
gewäſſer verlaufen waren, im Engadein noch etzliche Zeit
reſidiert haben ſoll, herausklittern.
Heute aber war blauer Herbſthimmel über das Tal
ausgeſpannt, und eine kräftigend froſtige Septemberluft
lockte ins Freie, dem König der Engadeiner Alpen, dem
koloſſalen Bernina entgegen, der ſamt ſtattlichem Hofſtaat
und Gefolge an der Grenzſcheide von Engadein und VBal⸗
tellin ſein Hoflager aufgeſchlagen hat.
Bei der etruskiſchen Reiterkolonie Celerina, wo einſt—
mals die Celeres auf engadeiniſcher Hoͤchebene für Roß
1 Nach dem bekannten „Großvaterlied“ von Auguſt Langbein. — ² Ulrich
Campbell legte ſeine lateiniſch geſchriebene Geſchichte Graubündens 1577
dem Bundestage der drei Bünde vor. Johannes Guler von Wynegg
(Weinech, Landammann in Davos, lieferte einen lateiniſchen Auszug aus
Campbell, 1616 aber ſeine „Raetia: das iſt Außführliche und wahrhaffte
Seſchreibung der dreyen Loblichen Grawen Bündten vñ anderen Retiſchen
völcker“.
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