Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 40
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0040
40 Reiſebilder.

ſich im Rücken der Bergſtämme, die das Roſeggtal vom
eigentlichen Berninaſtock trennen, mit den Maſſen des
faſt unmittelbar von der Straße bis zu 13 872 Fuß hohen
Spitze anſteigenden Berninagletſchers vereinen und einen
16 Stunden weiten Raum mit ihrer Wildnis erfüllen,
war das Ziel der heutigen Fahrt.
Vor deren Beginn aber wird billig im Adler zu Ponte
reſina Raſt gemacht, um Mundvorrat und Führer mit-
zunehmen.
Aus dem dortigen Fremdenbuch iſt zu erſchauen, wie
ſelten den Wundern dieſer Täler und Höhen vom Reiſen—
den die gebührende Aufmerkſamkeit geſchenkt wird. Hie
und da zeigt ſich ein verſprengter Touriſt — oder der un—
ermüdliche Zugvogel durch Gebirg' und Ebene, der Heidel⸗
berger Student; der Engländer erſcheint ſehr ſpärlich; auch
daß ein germaniſcher Käfer- und Pflanzenſammler hieher
vorgedrungen, um das „leiziton areticum“ zwiſchen Eis
und Gefelſe wegzubotaniſieren, melden die Blätter.
Zwiſchen hinein aber klingt's mit wildem Trompeten-
ton und Trommelſchlag: „evviva l'Italia libera! morte al
traditor Carlo Alberto! morte ai barbari Tedeschi!“ und



——

ſeitenlange Deklamationen in Proſa und Verſen melden,

daß im Auguſt 1848 ein Heereszug von Crociati und lom—

bardiſchen Berſaglieri, weniger angezogen vom Duft der

Gletſcherwelt, als abgezogen durch die Kunde von Mai—
lands Wiedereroberung, für gut fand, dem Vaterland und
den Barbaren den Rücken zu kehren und im ſtillen Tal
von Ponte reſina die letzten Salven — ins Fremdenbuch
abzufeuern. Selbigesmal kamen von den Höhen des
Splügen und des Stilfſer Jochs herab, auf der Bernina⸗
ſtraße und dem unwegſamen Gebirgspfad, der über den
Buffalora nach Zernetz führt, über 8000 FZtaliener ins
Engad ein herabgeſtiegen, und zwar — wie böſe Zungen
vermelden — noch bevor ihnen ein öſterreichiſcher Soldat
auf den Ferſen war.
Dem mag nun alſo ſein oder nicht; einem ſchlichten
Sinn will's aber nicht einleuchten, warum nach glücklich
vollbrachtem Rückzug noch ſo viel Heldenmut und Ber—

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