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Aus den Rätiſchen Alpen. 3. 41
ſerkerwut im Fremdenbuch entwickelt, und warum hinter
der Schußlinie noch ein „dulce et decorum pro patria
mori!“ ſo laut in die Alpenruhe hinauspoſaunt wird. Es
iſt übrigens noch in viel andern Schweizer Fremdenbüchern
unendlich viel Tinte verſchrieben, um die Scharten von Cu⸗
ſtozza und Somma Campagna' wieder auszuwetzen —
uneingedenk, daß unter ſotanen Umſtänden Reden nur
Silber, Schweigen Gold iſt.
Als Führer zum Gletſcher ſtellte ſich gan Colani von
Ponte reſina ein, der Sohn des großen Nimrod Jan
Marchiett Colani, der 1837 das Zeitliche ſegnete, nachdem
er von ſeinem 20. bis 65. FJahr, benebſt mehreren Bären,
Steinböcken und Hirſchen, mehr als zweitauſend Gemſen
das Lebenslicht ausgeblaſen hatte. Jan Marchiett, dem
alten, hat die deutſche Literatur das Schlimmſte angetan,
was einem Graubündner ſeit Sebaſtian Münſters „Cos-
mographey?“ paſſieren kann — er kam noch bei Lebzeiten
gedruckt in deutſche Blätter. War ſo im Fahr 1830 ein
deutſcher Reiſender in die Engadeiner Berge gefahren, der
ihm lange zuſetzte, bis er ihn mit auf die Gemsjagd nahm,
allwo er aber mit vornehmem Zägerhumor den fremden
Sonntagsjäger alſo poſtierte, daß er nicht zum Schuß kam,
während JZan Marchiett, der alte, ihm die Gemſen vor der
Naſe wegbirſchte. Zum Dank hiefür hat ihn dann jener
unberufene Gemſentöter im „Morgenblatt“ verewigt“
und wahrſcheinlich im Glauben, daß in dieſen Bergſchluch—
ten die Geſetze hiſtoriſcher Treue zugunſten des Mythus
unbeſchadet verletzt werden dürfen, dem alten Jan Mar⸗-
chiett ein ſo romantiſches Relief gegeben, daß er nach den
Begriffen des gewöhnlichen Lebens, die im Engadein noch
* Siehe „Morgenblatt“ für 1830, Nr. 168: „Die Gemſenjagd in
den Schweizeralpen“.
1 Dorf bei Cuſtozza, wo Radetzky am 25. Fuli 1848 die Italiener be⸗
ſiegte. — ² Ludwig Häuſſer hatte im erſten Reiſebericht von der Empfindlich⸗
keit der Graubündner geſprochen und erzählt: „Den alten Sebaſtian Münſter,
der ſich einige kecke Urteile über das wackere SGraubündten erlaubte, wollte
vor 300 Jahren eine mannhafte Oeputation beleidigter Patrioten in Baſel
perſönlich coramiren, und nur ſein inzwiſchen erfolgter Tod hat ihm die viel-
leicht empfindliche Züchtigung beleidigten Nationalſtolzes erſpart.“
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