Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 44
(PDF, 113 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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44 Reiſebilder.

des Gletſchers, den er von ros, Tau, alſo der „Tauige,
Duftige“, ableitete; auch wußte er die Namen aller um⸗
liegenden Höhen und Klippen ſorgfältig zu nennen. Schon
die Sage von den wilden Menſchen, die einſt hier gehauſt
haben, lenkte unſern hiſtoriſchen Verdacht auf keltiſche
Urbewohnerſchaft vor etruskiſcher und ſpäterer Einwan—
derung. Dieſer aber wurde merklich beſtätigt durch den
Namen des rieſenhaften Hornes, das allmählich aus den
Eisfeldern des Roſeggiogletſchers, im Rücken des Bernina,
ſchneeig aufglänzte, ſeither von dem davorliegenden Piz
Cierva verdeckt. Der Führer benannte dieſe Höhe „Mittel⸗
horn“, ſein echter Name aber ſei „Agaglocks“, und als
wir ihn befragten, ob dies im Engadeiner Romanſch irgend-
eine Bedeutung habe, erwiderte er nein, romanſch würde
der Berg „piz da mezz“ heißen, das ſei aber nicht ge—
bräuchlich, man heiße ihn eben „Agaglocks“, ohne zu
wiſſen warum.
Da aber, wie aus Mones keltiſchem Wörterbuch' zu er⸗
ſehen, clock, clocks ein weitverbreitetes keltiſches Stamm⸗-
wort iſt und Fels bedeutet, aga, ago aber ſtark, gewal—
tig heißt, ſo durften wir ſofort den ehrwürdigen Aga-
glocks als Zeugen lang' verklungener keltiſcher Tage be—
grüßen, als Namensgenoſſen unſerer Oberländer hohen
Freunde keltiſcher Zunge, des Badüs und Sixmadaun im
Tale Tavetſch. Wer überhaupt in ſolchen Seitentälern
emſig ſtreift und bei Hirten und Jägern ſich Ortsnamen
einſammelt, der wird ein abſonderlich Regiſter zuſammen-
bringen, das zwar nicht in Karten und Reiſehandbüchern
verzeichnet iſt, aber dem Freund keltiſcher Sprache großen
Ohrenſchmaus bereitet.
Hinter der letzten Sennhütte, bei der wir nach mehr
als zweiſtündigem Marſch angelangt waren, hören die
Tannenwälder und alle größere Begetation auf; und im
kahlen Rahmen der Felswände des Piz Cierva zur Lin—

1 D. h. in dem „Galliſchen Gloſſar“, das der Karlsruher Archiodirektor

F. J. Mone ſeinem Werke „Die galliſche Sprache und ihre Brauchbarkeit.

für die Geſchichte“, Karlsruhe 1851, angehängt hat (S. 182: „clock, Stein;
i. cloch, cloech j., w. clog m. einzelner großer Stein“).



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