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Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald. 49
ſeine Wiege, wo er am eisgrünen Rheinwaldgletſcher oder
am Crispalt und Badüs
— „im verſchwiegene Schoos der Felſe heimli gäbohre,
An de Wulke g'ſäugt mit Duft und himmliſchem Rege,
5 Schloft, e Bütſcheli-Chind in ſim verborgene Stübli
Heimli, wohlverwahrt!¹.“
Und doch iſt noch viel wahrhaft Schönes nicht nur an
ſeinen Anfängen in der rätiſchen Gebirgswelt, ſondern
auch in dem Strich Landes, den er von Konſtanz bis Baſel
1o% durchläuft, zu entdecken, und wenn's bei Bingen an Bi—
ſchof Hattos Turm gehörig zwiſchen den Felſen brauſt,
ſo tobt, abgeſehen von Schaffhauſen, im Strudel bei Lau—
fenburg und im Rheinfelder Hacken der Oberrhein noch
ein erkleckliches ſtärker, und wenn ein weinkundiger Wan⸗
15 dersmann in den kühlen Trinkſtuben am Grenzacher Horn
bei Baſel oder in Hallau bei Schaffhauſen ſich einen aus
jener Gegend des Kellers vorſetzen läßt, wo „die ſchwarz
Katz ſitzt“, ſo wird er vollſtändig darüber klar werden, daß
der oberrheiniſche Stoff auch nicht überzwerch im Faß
2 liegt, und ob er noch Zeit findet, des Rüdesheimer Weißen
oder Asmannshauſer Roten heimwehſehnſüchtig zu ge—
denken, iſt zum mindeſten ein zweifelhaft Problem.
Außerdem aber ſitzt noch allerlei mannhaft und merk—-
würdig Volk an beiden Ufern des Oberrheins und auf den
256 Bergen, die als Ausläufer des Schwarzwaldes ſich bis
ans Ufer vorſchieben, und namentlich dort oben, wo durch
ein paar tauſend Fuß Höhe der Menſch vorerſt vor dem
Hinauflecken der modernen Kultur geſichert iſt und in fri⸗
ſcher Bergluft ſelber friſch bleibt, ragen noch eigentümliche
30 Gruppen in zäher Abgeſchloſſenheit und Beſonderheit als
noch nicht untergegangene Geſchichte deutſchen Volks—
tums in die Gegenwart herüber.
So wir aus der alten Stadt Baſel, wo die reichen
Kaufherren wohnen und wo, wie böſe Nachbarn meinen,
35 es den Leuten nicht wohl iſt, wenn's nicht recht langweilig
hergeht, aufbrechen und dem Rhein, der dort ums Eck
1 Frei angeführt aus Hebels Gedicht „Die Wieſe“.
Scheffel. IV. 4
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