Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 51
(PDF, 113 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0051
Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald. 51

vorn über der Bruſt durch ein geneſteltes Band zuſammen-
gehalten, iſt ihre „Montur“; anſtatt der Weſte tragen ſie
ein rotes, beinahe ebenſo langes „Fürtuch“ oder „Bruſt⸗
latz“, ſo mit Samtſtreifen verbrämt iſt und wie ein Panzer-⸗
s hemd beim Anziehen über den Kopf geworfen werden
muß. Den Hals umſchließt ein gefälteltes Hemd, oft
mit großem, in künſtlich verſchnörkeltem Faltenwurf ſich
auslegendem Kragen verſehen; eine Pluderhoſe, Falte
an Falte übereinander gelegt, reicht bis ans Knie, weiße
10 Strümpfe mit Lappenſchuhen oder große Stiefeln mit
hellen Lederkappen ſchließen den Mann nach ſeinen un—
teren Beziehungen ab. Auf dem Haupt trägt er entweder
die ſommers und winters gleich obligate Pelzkappe oder
einen für alle Fahreszeiten gleich üblichen ſpitzen, aufge—
1s krempten, ſchwarzgefärbten Strohhut mit breitem Samt-
band. Auch das kurze „Tubakpfifli“ im Mund darf nicht
vergeſſen werden.
Und neben dem Alten mit eisgrauem Haar, der wie
träumend dem Menſchengewimmel zuſieht, ſteht manch
20 ſchmucker junger Burſch, oft ein wahres Prachtexemplar
von Menſch:
„Chrüſi Löckli hat er g'ha und Auge wie Chole,
Backe wie Milch und Bluet und rundi kräftige Glieder'¹“,
und aus ſeinem Dreinſchauen und Auftreten kann einer
25 ohne Mühe herausleſen, daß der des Bauernſpruchs
„Selbſt iſt der Mann“ wohl bewußt iſt, auch wohl eine
ſolide Rauferei wie ein Deſſert zur ordinären Mahlzeit
aufzufaſſen pflegt, ſomit in engſter Geiſtesverwandͤtſchaft
zu jenen Streithähnen im Land Tirol ſteht, deren würdig—
30 ſten Repräſentanten, den „Brunnhäußer“, Ludwig Steub
einſt im Hinterduxer Wirtshaus antraf, als er erſt zu ſei⸗—
nem Vergnügen wie ein Stier brüllte, ſpäter aber dem
„Mezger von Goſſenſaß“ den Hut „antrieb?“.
So wir aber, ohne weiteren Reflexionen über die
35 Philoſophie des altertümlichen Koſtüms nachzuhängen,

1 Aus Hebels Gedicht „Der Statthalter von Schopfheim“. — ² Bgl.
L. Steub, „Drei Sommer in Tirol“, Bd. 1, S. 205 (S. Aufl., München 1895).
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