Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 54
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



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54 Reiſebilder.

BViehſtand Erſatz für andern Mangel geben könnte, ein
angeſtrengtes Arbeiten liegt ohnedies nicht in der Inten⸗
tion jener Bergbewohner, und ſo ſind's der Mehrzahl nach
arme Leute, die dort hauſen, während unter den von der
Natur mehr begünſtigten Gemeinden auf den vordern
Abhängen der Berge manche durch vernünftigen Acker⸗
und Wieſenbau und durch Beſchäftigung mit Handindu—
ſtrie, namentlich mit Weberei, Seideſpinnen und Seide—
kämpeln, ſowie verſchiedener Poſamentierarbeit für die
großen Seidebandfabriken, die unternehmende Schweizer
hier innerhalb der Grenzen des Zollvereins betreiben, ſich
zu einem mittleren Wohlſtand aufgeſchwungen haben.
Steigen wir einmal hinauf, um dem Hauenſteiner oben
in ſeiner Hütte einen Beſuch abzuſtatten. Am ſchönſten
iſt's, an einem duftigen Herbſttag die Berge hinanzu—
klimmen; da wallt und wogt ein dampfender Nebel über
dem Rhein auf und ab und verhüllt Dächer und Turm—
ſpitzen der alten Waldſtädte, geiſterhafte Wolkengeſtalten
werden vom Wind zu den ſchweigſamen Tannen des Berg⸗
waldes heraufgetrieben, wie die wilde Fagd zieht's vor-
über, und mit Hebel möchte man fragen:
„Iſch denn d'Sunne g'ſtorbe, aß ſie nit cho' will!¹?“

Wenn aber die Höhe erſtiegen iſt, ſind wir über dem
Nebel, die Sonne bricht durch und treibt ihn vollends aus—
einander, und dann ſchweift der Blick weit über den Rhein
und die ſtumpfen Vorberge des Aargaus bis hinüber zur
fernen Jungfrau und dem ganzen verſchlungenen Berg—
gewimmel des Berner Oberlandes.
Auf der Hochebene aber ſchauen vergnüglich zwiſchen
den Tannen die Strohdächer der Wälderhäuſer hervor;
hier wohnen unſere Freunde — „discreti ac diversi, ut

fons, ut campus, ut nemus, placuit“ — (Tac. Germ., c.

XVII²); faſt bis auf den Boden herunter reicht das große
hiſtoriſche Strohdach, das trotz aller Feuerſchauverord—
nungen noch immer nicht dem unbequemeren Ziegeldach

1 Aus Hebels Gedicht „Das Habermuß“. — ² „Geſchieden und zerſtreut,
wie gerade eine Quelle, ein Feld, ein Wald ihnen behagte.“



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