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Aus dem Hauenſteiner Schwarzwald. 55
gewichen iſt; und unter derſelben Dachfirſt befinden ſich
die Wohnungen der Menſchen, der Stall und die Scheuer,
hierzuland der „Tenn“ geheißen, zu welchem auf der
Rückſeite des Hauſes auf untermauertem breitem Fahr⸗—
5 weg, dem ſogenannten „Einfahr“, die Frucht- und Heu—
wägen unmittelbar hineingeführt werden können. Vor
der Wohnſtube iſt ein freier Raum, über den ſich das Dach
noch herüber wölbt, zu Aufbewahrung von allerhand
Hausgerät — der Wälder heißt ihn den „Schild“ — und
io neben dieſem, vor den Stallungen, wo der Brunnen ſorg-
ſam im Schutz von Dach und Wand angebhracht iſt, damit
er im Winter nicht zuſammenfriere, iſt die ſogenannte
„Laube“.
Die niedere Wohnſtube, durch deren Fenſter nur das
1s notdürftigſte Licht hereinkommt, iſt einfach und ſchmuck-
los; ein paar möglichſt buntfarbige Heiligenbilder hängen
an der Wand, und über der Tür iſt etwa ein Schränklein
angebracht, wo die „Papier, Brieff und Handſchriftlyn“,
die Quelle ſo manchen unnötigen Prozeſſes, ſorgſam ver⸗-
20 wahrt ſind. Ein ehrwürdig Inſtitut aber darf nirgends
fehlen, das iſt der koloſſale Kachelofen mit ſeinen ſtein—
gedeckten, übereinander geſchichteten Ofenbänken. Dieſer
Ofen hat eine kulturgeſchichtliche Bedeutung. Die Ofen-
bank heißt nicht umſonſt die „Kunſt“ oder „Chauſcht“;
25 auf ihr liegt der Wälder der edeln und freien Kunſt des
Nichtstuns und Schnapstrinkens ob', auf ihr brütet er
ſeine feinſten Pfiffe und Schliche aus, auf ihr träumt er
ſeine ſchönſten Träume. Mag der Elfe in ſtiller Mond—
nacht auf ſchwankem Blatt des Farnkrauts ſich ſchaukeln
30o oder aus dem Kelch der Glockenblume den Tautropfen
ſchlürfen, mag der Romantiker in der Waldeinſamkeit
fernen Waldhornklängen lauſchen: das alles iſt kein Stand⸗
punkt gegenüber der Hauenſteiner „Kunſt“.
Adolf Stahr in ſeinen Pariſer Briefen?ᷣ behauptet zwar:
1 Die Benennung erklärt ſich in Wirklichkeit freilich etwas anders. „Kunſt“
wird vielfach als Concretum gebraucht für künſtliche Vorrichtungen (vgl.
z. B. „Waſſerkunſt“), hier für die „Holzerſparungskunſt“ des neueren Kachel⸗
ofens an Stelle des alten offenen Herdes. — ² Adolf Stahr (1805–— 76)
verfaßte neben zahlreichen literargeſchichtlichen Schriften namentlich Reiſe⸗
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