Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 66
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0066
66 Reiſebilder.

eigentümliche Bemerkung vorbehalten; iſt es doch vor
kurzem vorgekommen, daß ein paar fromme Wälder, die
ein großes Schmuggelunternehmen aus der Schweiz her⸗-
über vorhatten, vorher eine Wallfahrt nach Einſiedeln
unternehmen ließen, um einen günſtigen Ausgang zu er—
beten. So einer jedoch geſehen hat, wie intenſiv der
Hauenſteiner ſeinen Kultus feiert, ſo einer etwa am
Allerſeelentag einem Gräbergottesdienſt anwohnt, wenn
beim Läuten der Glocken alt und jung von allen Berghal⸗—
den herab zum Friedhof herniederſteigt, mit brennenden
Kerzen einen Umgang um die Gräber hält und dann in
ſtiller Andacht der Dahingeſchiedenen gedenkt, dem klingt's
vielleicht ſelbſt wie ein Ton aus alten Zeiten durchs Herz,
und es wird ihm deutlich, daß hier die religiöſe Übung
zugleich „altheilige Sitte und Poeſie“ iſt, und daß ſie an—
greifen oder moderniſieren zugleich an der Verwilderung
des Bauern arbeiten heißt.
Dem modernen Staat ſteht der Hauenſteiner etwas
ſeltſam gegenüber. Was anderwärts vom deutſchen Bauer
überhaupt geſagt iſt: „ſeine Stellung zum Staat und zur
Nation iſt gleichſam ein Stand der Unſchuld, er hat noch
nicht vom Baum der Erkenntnis gegeſſen, ſeine hiſtoriſche
Sitte iſt ſein politiſcher Katechismus“, gilt ganz beſonders
hier. Sein Staatsbegriff datiert noch von den Zeiten
ſeines bäuerlichen Selfgovernements, als die Einungen mit
ihren Einungsmeiſtern in verſammelter Landsgemeinde
tagten und die Redmannen mit dem öſterreichiſchen Wald—
vogt und dem St. Blaſiſchen Waldpropſt die Angelegen—
heiten des Waldes austrugen. Seither iſt die alte Verfaſ—
ſung geſchwunden, der Hauenſteiner iſt, ohne daß eine klare
Vorſtellung von den welterſchütternden Ereigniſſen im Be⸗
ginn unſeres Fahrhunderts zu ihm hinaufdrang, badiſcher
Untertan geworden, und die Geſetze, Verordnungen und
Reſkripte des neuen Staats ſtehen immer noch wie eine
fremde Welt vor ihm; er reſpektiert ſie aber, und die paſſive
Renitenz kam nur bei einer kleinen Sekte, den Salpeterern,
die wir ſpäter kennenlernen werden, entſchieden vor. Er
iſt überbaupt ein Mann der Autorität in allen Dingen.

——

0



5

20

25


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0066