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Aus dem Qauenſteiner Schwarzwald. 71
paar knorrige alte Buchen und ein Kruzifix; den „toten
Bühl“ nennt das Volk bezeichnend den Ort, und was zur
andern Seite des toten Bühls liegt, das nötigt ſelbſt dem
eingebornen Wälder eine Art Mitleid ab. 's iſt der rauhſte
Strich, jener hintere Wald, noch von Schnee umlaſtet,
wenn diesſeits ſchon die primula veris ihr Haupt fragend
erhebt; die Anſiedlungen der Menſchen noch elender und
noch mehr aufs Minimum reduziert wie diesſeits, und
eine ſtille Kritik hat ſich in den Bezeichnungen der jen—
ſeitigen Gegend Luft gemacht; „elendes Löchle“ heißt ein
Wieſengrund, und ein Bergrücken ſeitwärts, wo noch bei
ein paar verſprengten Felsſtücken und Tannenbäumlein
eine einſame Kapelle ſteht, heißt das „öde Land“ oder
„letzte Land“, worauf denn ſchließlich alles aufhört.
Der tote Bühl hat deshalb auch in den Vorſtellungen
der Eingeborenen etwas Schreckhaftes; böſe Geiſter gehen
dort in mitternächtigen Stunden um, und noch nicht alte
Kriminalakten wiſſen zu berichten, daß einſtmals bei einer
ſchwunghaften Diebsbande die Zuſammenkünfte zur Auf⸗
nahme neuer Mitglieder nachts bei den Buchen des toten
Bühls ſtattfanden und der Neophyt' beim Kruzifix dort
ſeinen Anteil an der ewigen Seligkeit verſchwören mußte,
ehe er in das ehrenwerte Kollegium rezipiert wurde.
Jenſeits des toten Bühls geht man dem St. Blaſiſchen
zu, nach Niedergebisbach und nach dem Hauptdorf des
Waldes, nach Herriſchried, wo der Menſch nur durch tiefere
Empfindungen des Herzens mit dem Defekt der Natur
verſöhnt werden kann.
„'s kommt mer nüt uf d'Gegnig (Gegend) an
z' Herriſchried im Wald“
ſingt Hebel?. Zu den Glanzpunkten am toten Büͤhl gehört
auch das Dörflein Hochſchür, übel berüchtigt im Munde
der Nachbarn; denn ſo einem in der Umgegend nachts in
den Keller gebrochen und die Kartoffeln geholt, oder ſo ihm
35 das friſchgeſchlachtete Schweinlein aus dem Kamin aus-
1 ODer Neuaufgenommene. — — 2 In dem Gedichte „Der Schwarzwälder
im Breisgau“.
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