http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0096
96 Reiſebilder.
Das Meer ward ihren Galeeren untertan, Handel und
Erwerbung machten ihnen den Orient zinsbar — und ſo
mahnt hier bei jedem Schritt ein Reſt alter Zeit an dieſe
gedoppelte Poſition, die nur einen Fuß hier hatte, den
andern aber im griechiſchen Archipel, in Konſtantinopel,
5
in der Levante uſw. St. Marco iſt größtenteils aus der
Beute des Orients gebaut; wenn dieſe Säulen und Sta—
tuen ihren Heimatſchein auf ſich geſchrieben trügen, würde
die eine von Syrien, die andere von Konſtantinopel, die
dritte von Paros oder Naxos erzählen. — Die vier pracht-
vollen Bronzepferde auf der Baluſtrade ſind aus dem
Hippodrom von Byzanz und dorthin vielleicht aus Rom
gekommen. Vor dem Tor des Arſenals hält ein rieſiger
Löwe Wache, der einſt den Hafen Piräus bei Athen
ſchmückte und dem in unbekannter Zeit nordiſche See—
fahrer eine Runenſchrift auf ſeinen Marmorrücken ge—
ſchrieben. — So fahren die Kuͤnſtwerke in der weiten
Welt herum.
Dieſe Verbindungen und Eroberungen müſſen ſeiner—
zeit einen enormen Reichtum hier konzentriert haben,
jeder Nobile, oder wenigſtens die alten Häuſer dieſer Pa—
trizier, waren Fürſten für ſich; wenn man den Canal
grande entlang fährt, ſpiegelt ſich ein Palaſt nach dem
andern im grünen Lagunenwaſſer, und einer ſchöner als
der andere, von den ſpitzbogigen mauriſchen Balkonfen- 25
ſtern und Säulenhallen des 12. und 13. Jahrhunderts an
bis zu den eleganten, der Antike nachgeahmten Faſſaden,
mit denen Sanſovino und Palladio die Königin der Meere
geſchrnückt.
Ein merkwürdiges Prachtſtück iſt der Dogenpalaſt, der
aber ſchon in ſeinem Äußern deutlich ausdrückt, daß ein
Doge von Venedig kein ſeinen Launen und BVergnügun⸗
gen raumgebendürfender Fürſt, ſondern der oberſte Be—
amte einer finſtern, ſtrengen Republik war, die ihm dieſe
Säle nur zur Verfügung ſtellte, wie etwa eine andere
Stadt ihrem Bürgermeiſter den dritten Stock ihres Rat-
hauſes als Dienſtwohnung; darum ſind unter demſelben
Dach alle die Gemächer, wo die übrigen Behörden der
—
0
15⁵
20
35
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0096