Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 98
(PDF, 113 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0098
98 Reiſebilder.

heiligen Pietro, wohl das gewaltigſte Werk, das Tizian
geſchaffen. Die Schola di San Rocco iſt eine ganze Gale—
rie von Bildern des fingerfertigen, phantaſievollen Tin⸗
toretto, dem nur die Mäßigung und jene unerwerbbare
Ader geiſtigen Adels fehlte, um es mit den erſten ſeiner
Zeit aufzunehmen. — So bietet jeder Tag einen neuen
Erwerb; und wenn ſich der Menſch zur Abwechſlung auch
wieder am Spiel der Wogen und elementarer Kraft er⸗
freuen will, dann trägt ihn die Gondel abends hinaus an
den Lido, wo hinter weißen Sanddünen das Adriatiſche
Meer ſeine unendliche Fläche fluten läßt. Man wirft ſich
in die ſtärkenden Wellen und fährt erſt in dunkler Nacht
ſeinem alten Venedig wieder entgegen — und die Lagu—
nen leuchten in einem geſpenſtigen Phosphoreſzieren bei
jedem Ruderſchlag, als würde ein Gewimmel ſilberner
Funken in der Tiefe wach, und die Seele möchte ſich ſchier
verträumen, wenn das Menſchengelärme an der Riva
degli Schiavoni und der klagende Marionettenkönig, der
oft um 11 Uhr nachts ſeinen fünften Akt und ſeinen Tod
noch nicht gefunden, ſie nicht wieder in die Gegenwart
zurückriefe. —
Oder man ſtattet einmal den ernſten Armeniern auf
der Inſel San Lazzaro Beſuch ab; die paſſen mit ihren
langen, ſchwarzen Talaren und Bärten und der orienta—
liſchen Ruhe im Antlitz trefflich aufs venezianiſche Pflaſter
und haben ſich auf ihrer Inſel eine reizende Einſamkeit
geſchaffen. — In ihrem Kloſtergarten mit ſeinen Zypreſ⸗-
ſen und baumhohen Roſenſträuchern kommt das aus
VBenedig ſchier verdrängte Grün doch auch wieder zu
ſeinem Recht, und in ihrer Druckerei drucken ſie armeniſche
Bücher, und ich mußte es mir wohl gefallen laſſen, daß
mich der Pater für einen Ignoranten, ſtatt für einen Ge—



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lehrten hielt; denn meine Sprachſtudien waren übers

Armeniſche ſo wenig im klaren, daß ich ihn fragte, ob man
ihre Schrift auch von rechts nach links leſe, worauf er mir
indigniert antwortete: „Signor, wir ſind keine Fuden,
ſondern gute Chriſten.“ Die ſchönſte aller Inſelfahrten
aber führt nach dem entlegenen Torcello, dort liegt im

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