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Brief aus Venedig. 99
kühlen Meeresgrund die alte Stadt Altino verſunken, wo
der Fiſcher noch dann und wann Marmorſtücke im Netz
herauszieht, und Torcello ſelbſt iſt einſam und verlaſſen, auf
dem eh'maligen Marktplatz wächſt Gras; aber wie ehedem
5 der Prätor hier Recht ſprach, ſo ſteht der marmorne Lehn⸗
ſtuhl noch zwiſchen umgeſtürzten Säulenkapitälen. Das
Volk nennt ihn die Sedia di Attila, zum Andenken an die
Hunnen, die ihre Vorfahren einſt zwangen, in dieſen In—
ſeln eine unzugängliche Zufluchtſtätte zu ſuchen; und die
io ehrwürdige Kirche San Fosca mit ihrem Achteck und der
ſäulengetragenen Vorhalle, und der alte Dom mit ſeinen
amphitheatraliſchen Chorherrenſitzen und düſter ernſten
byzantiniſchen Moſaiken ragen als Denkſteine der Zeit, wo
hier einſt, wie jetzt in Venedig, ein dichtgedrängtes Stadt-
15 volk wimmelte. Die einſamen, freiden Gäſte aber ſteigen
ſofort aufs Campanile, um durch die durchbrochenen Fen—
ſter bei den Glocken zugleich nach den Alpen Friauls, den
Euganeiſchen Bergen bei Padua und dem Adriatiſchen
Meer eine ſpähende Umſchau zu halten.
2 Der Sonntagsfriede über dieſen efeuumrankten Trüm⸗—
mern inmitten der Lagunen, und dann wieder ein Abend
auf dem gaserleuchteten St. Markusplatz, wo die venezia⸗
niſche Eleganz in ſo dichten Reihen beim Schall der öſter⸗
reichiſchen Militärmuſik promeniert, als wär's ein Ball
25 im Freien und eben die Polonaiſe an der Reihe...Stoff
genug zum Nachdenken für einen, der mitten drin nicht
vergißt, daß auch der St. Marco ſamt aller Pracht und
Marmorſchöne dereinſt öde und verlaſſen ſtehen wird, und
der ſich fragt: Was iſt in all dem bunten Schattenſpiel
zo von Welt und Geſchichte das Bleibende?
VBenedig, den 1. Oktober 1855.
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