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100 Reiſebilder.
Ein Gang zur großen Kartauſe in den
Alpen der Dauphiné.
Wer ſich in den letzten Maitagen des Jahres 1856 zu
Lyon befand, hat traurige Dinge zu erleben gehabt.
Die beiden Flüſſe Saone und Rhone waren fürchter- 5
lich angewachſen, ganze Quartiere ſtanden unter Waſſer,
die Rhone überſchritt ihr linkes Ufer und demolierte ganze
Straßen der Vorſtädte les Brotteaux und la Guillotière,
Menſchenleben gingen zugrunde, Stadt und Land waren
im Notſtand, der Kaiſer ſelbſt kam unerwartet von Paris 10
herüber und durchritt die überſchwemmten Straßen, um
Augenſchein von dem Elend zu nehmen.
In dieſer Zeit allgemeiner Kataſtrophe ward manches
Reiſenden Plan durch die Macht der Umſtände durch—
kreuzt; jede Verbindung mit dem Süden war abgeſchnit-
ten, die ausgetretenen Gewäſſer hatten die Eiſenbahn du
Midi zerſtört, die Dampfſchiffahrt auf der Rhone war un—
möglich, Diligencen ſtanden keine zur Verfügung. Nur
die Wege oſtwärts nach den Alpen, wo die breite Heer—
ſtraße nach Turin hinüberführt, waren zum Teil noch 20
praktikabel.
Um den trüben Bildern dieſer Tage, wo der Menſch
vergeblich wider die Macht der Elemente rang, zu ent—
gehen, entſchloß ich mich mit zwei getreuen Reiſegefähr-
ten' zu einem Ausflug in die von Touriſten und Berg- 25
fahrern ſehr wenig beſuchten und gekannten Alpen der
Dauphiné, dem ich eine Reihe der eigentümlichſten, für
immer in der Erinnerung haftenden Eindrücke zu ver—
danken habe.
Eine zehnſtündige Diligencefahrt führte uns durch die 30
weite fruchtbare Ebene des linken Rhoneufers von Lyon
dem Gebirge entgegen.
Schon vom Obſervatorium bei der Kirche Fourviores
in Lyon hatte ich ſehnſüchtig nach den fernen Alpen ge—
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1 Es waren der Münchener Freund Auguſt von Eiſenhart und der
Appellationsgerichtsſekretär Dr. Hierl aus Freiſing.
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