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102 Reiſebilder.
geſtreckte Kalkwände von weichem, ſamtartigem Grün
überwachſen, reicher Pflanzen- und Baumwuchs, keine
langweilig eintönigen Tannenwälder, friſch rauſchende,
kühn überbrückte Gebirgsſtröme, Fernſichten in das über⸗
ſchwemmte Tal der Zſère, genannt la vallée de Graisi-
vaudan, als Staffage patrouillierende Douaniers, die die
Grenze nach Savoyen gegen den reichlich getriebenen
Schmuggel behüten — über allem aber eine würzig bal⸗
ſamiſche Alpenluft — das waren die unerwarteten Ein—
drücke des abendlichen Gangs nach Saint Laurent.
Ein gutes Gebirgswirtshaus nahm uns dort auf und
ſpendete köſtliche Forellen, ſavoyiſche Berghaſen und gute
Betten. Andern Morgens in dämmernder Frühe ſtand
ein Führer bereit, und wir zogen in die Alpenwildnis ein,
die nach der Grande Chartreuſe führt. Dieſer Weg, dem
tobenden Wildbach Guiers-mort entlang, gehört zu dem
Großartigſten, was ich auf vielfachen Alpenwanderungen
geſehen und kann ſich an landſchaftlicher Schönheit mit
der Via mala und den Simplonpfaden meſſen.
Furchtbar einſam und wild iſt's gleich anfangs bei
einem Punkt, Les Fourvoiries genannt: ein rauchſchwar-
zer Eiſenhammer mit tief in den Mauern liegenden ver⸗
gitterten Fenſtern ſteht finſter zur Rechten eines Wild—
bachs, aus deſſen brauſenden Fällen feuchter Duft zu den
hundertjährigen Buchen und Tannen emporſprüht; eine
aus einem einzigen Bogen beſtehende Brücke ſpannt ſich
keck darüber, auf beiden Seiten ſteigen gewaltige ſenk—
rechte Felſen empor, ein alter Torturm, über deſſen Por—
tal in Stein gehauen ein Kreuz auf der Erdkugel fußt,
ſperrt die ſchmale, in Fels gehauene Straße.
„Stat crux dum volvitur orbis!“ ſteht an dieſem Ein⸗
gang geſchrieben, den ehemals ein Kloſterwächter beſetzt
hielt ... es iſt die „entrée du désert“, der Weg zur Wild-
nis.. Wer hinaufſteigt, um oben in der Kartauſe als
Büßer ſein bleibend Quartier zu nehmen, mag zum letz—
tenmal hier halten und der Welt hinter ihm VBalet winken;
1 „Das Kreuz bleibt ſtehen, ſolange ſich die Erde dreht.“
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