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Ein Gang zur großen Kartauſe in den Alpen der Dauphins. 103
jenſeits dieſes Tores beginnt die Wüſte, und irgendein
Touriſt oder einer der Landſchaftsmaler, von deren An—
weſenheit hierorts mannigfache von der Palette abge—
ſtrichene und am Fels vertrocknete Farbenreſte Zeugnis
5 geben, hat darum mit Bleiſtift die Danteſche Inſchrift des
Höllentores: „Per me si va nella città dolente“i uſw. an
die Mauer angemerkt.
Weiter oben fällt dem Wandersmann ein Waſſerfall
in die Augen, der durch darüber geſtürzte Felſen über-
10 brückt iſt, ähnlich dem Gollinger im Salzburgiſchen...
dann, da wo die Straße auf einer Reihe von kühn ge—
wölbten mittelalterlichen Mauerbogen längs des Ab—
grundes hinzieht, der wie eine Nadel ſenkrecht und iſoliert
aufſteigende rocher de l'Oeillette und die maleriſchen
15 Reſte einer alten Befeſtigung — alles von üppigen, rieſen-
haften Buchen, Tannen, Platanen überſchattet und aller-
hand Buſchwerk und Schlinggewächs, wilden Roſen und
Cytiſus umrankt — eine Vegetation, reich und kräftig
wie in den amerikaniſchen Wäldern. Eines Landſchafters
20 Gemüt müßte hier warm werden und ſich Wochen und
Monate wünſchen, um mit Malkaſten und Leinwand hier
zu arbeiten; es möchte wohl ein flottes Bild werden,
dieſer bergan ſich windende Felspfad auf ſeinen Brücken—
bogen, mit dem querdurchſchneidenden zinnengekrönten
25 Mauertor und der einſam aufſteigenden ſpitzen Fels—
pyramide ... auf der ſonnenbeleuchteten gelblichten
Bergwand im Hintergrund hebt ſich das dunkle Gemäuer
des kleinen Befeſtigungswerks pittoresk ab, vorn im Halb—⸗
ſchatten, von einzelnen Streiflichtern der Morgenſonne
z0 durchblitzt, das ſaftige Waldesgrün und die Tiefen des
Abgrunds und als Staffage etwa ein Trupp calviniſtiſcher
Reitersmänner, ſo wie ſie im Fahre 1562 unter des Ba—
ron Des Adrets Führung wider das Kloſter ritten, oder
die Kommiſſäre des Fahres 1792 in der trikoloren Schärpe,
35 wie ſie mit ihren Sansculotten die Ordensmänner ge—
fangen aus der Einſamkeit abführen.
1 „Hurch mich geht es nach der Stadt des Schmerzes.“
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