Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 104
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0104
104 Reiſebilder.

Nach dreiſtündigem Marſch führte unſer enger Pfad
in ein weites Wieſental; graue, ſeltſam geformte, inein—
andergebaute Schieferdächer wurden zwiſchen den Bäu—
men ſichtbar, lange Gebäude, Umfaſſungsmauern mit vor⸗
ſpringenden Ecktürmen, der Turm einer Kirche, eine ⁶
Reihe einzelner wie Soldaten in Reih' und Glied ſtehender
Zellenhäuslein..HKeine ſeltſam fremdartige Anſiedlung.
Wir ſtanden vor dem Tore der grande Chartreuse, der
großen Kartauſe, der Wiege des ſtrengen, ſtillen Kar—
täuſer-Ordens, darin jetzt noch über vierzig Ordensmänner 10
in unwandelbarem Schweigen der Betrachtung göttlicher
Dinge ein asketiſches Leben weihen. — Eine einſamere
Wildnis war auch ſchwer auszuſuchen, um von der Welt

unrngeſtört ein Aſyl der Kontemplation zu gründen. Von

9—

allen Seiten ragen ſenkrecht die noch von vielem Schnee 15

umhüllten Alpenwände empor, reicher, gewaltiger Wald
umſchließt das Kloſter und zieht ſich bis weit in die Berg—
höhen empor. .und alles ſchweigt, nur die Nachtigall
in den Linden des Vorhofs iſt noch kein Kartäuſer worden
und ſingt luſtig und klagend ihr ſchmelzendes Lied. 20
Man muß ſich unbefangen in das Mittelalter mit
ſeinen wild tobenden Leidenſchaften und ſeinen friede—
bedürftigen Gemütern, in jene Welt voll Scholaſtik, Par-
teizank und Schisma zurückdenken, um die Motive zu ver⸗
ſtehen, die einen Mann der damaligen Kultur, wie Sankt 25
Bruno, aus dem Strom der Weltlichkeit heraus in die
Einſamkeit ſtießen. Er war ein echter Sohn ſeiner Zeit,
dieſer Bruno Hartenfauſt aus Köln, deſſen Name, wie
einer ſeiner modernen Lebensbeſchreiber ſagt, eine ſehr
wenig romantiſche Phyſiognomie zu tragen ſcheint 230
ein germaniſches Gemüt, das in die Tiefen der Wiſſen—
ſchaft eintaucht, um ſeinen Gott darin zu finden und feſt-
zuhalten, das dann in den Wirren und Kämpfen des
Lebens von Enttäuſchung zu Enttäuſchung vorwärts ge—
jagt wird und ſich ſchließlich, abgehetzt und verbittert, ganz 35
auf ſich ſelbſt und die ſtärkende Kraft einſamer Natur und
einſamen Denkens zurückzieht, um aus ihr wenigſtens ein
Stück des verlorenen Friedens wieder zu gewinnen.


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