Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 106
(PDF, 113 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0106
106 Reiſebilder.

wenigſtens begann ſeit jener Zeit tiefe Meditationen über
die Eitelkeit aller weltlichen Dinge...
Es war im Fahr 1084, wie die Legende berichtet, da
kam über Hugo, den Biſchof von Grenoble, ein wunder-—
bar Traumgeſicht, das ihn aus ſeiner Biſchofsſtadt ent- s
rückte in die Wildnis des Gebirgs Chartreuſe. Dort in
der felsſtarren, ſchneebedeckten Einöde vermeinte er einen
prachtvollen Tempel zu erſchauen, und ſieben Sterne
zogen am Himmel auf und hielten über den Kuppeln des
Gotteshauſes und ſtrahlten in geheimnisvollem Schimmer 10
darauf nieder. Des andern Tages erſchienen ſieben Pil⸗
gersmänner vor dem Biſchof, warfen ſich ihm zu Füßen
und ſprachen: „Nehmt Ihr uns in Eure Arme auf und
führt uns an den Ort der Zurückgezogenheit, dem unſer
Herz ſich entgegenſehnt.“ 15
Es waren Lauduin von Toskana, Stefan von Bourg
und Stefan von Die, ehedem Canonici zu Valence, Hugo
der Kaplan, Andreas und Warin die Laienbrüder, an ihrer
Spitze aber Bruno Hartenfauſt, der Kölner, müde des
Skandals und der Verderbtheit des Jahrhunderts 20
Und der Biſchof von Grenoble geleitete die Pilger
ſelber in die weltabgeſchiedene Höhe ſeiner Alpen; die
Axt klang oben im Tannwald, Holzhütten erhoben ſich um
einen dem Fels entſpringenden Quell, eine Höhlung im
Berg ward zum erſten Ort des Gebets geweiht..Der 25
Grund zur Kartauſe war gelegt und bald weiteten ſich
die Blockhäuſer dieſer asketiſchen Pioniere der Alpen—
wälder zu klöſterlicher Anſiedlung, die durch die Strenge
ihrer Ordensvorſchrift ſchnell einen Ruf in der Chriſten—
heit gewann. 30
Es iſt ein eigen Verhängnis im Lebensroman des Stif⸗
ters der Chartreuſe, daß ihm auch hier nicht vergönnt
blieb, die Freuden der Einſamkeit bis zu ſeinem Ende
durchzukoſten. Denn kaum waren vier Fahre verfloſſen,
daß das einſiedleriſche Häuflein ſich in dieſem Revier der 35
Steinadler und Lämmergeier feſtgeſetzt, ſo beſtieg ein ehe⸗
maliger Schüler und ſpäterer Kollega Brunos aus dem
Rheimſer Domkapitel als Urban II. den päpſtlichen Stuhl.


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