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Avignon. 119
Aber was der Kaiſer anordnet, hat Glück und Erfolg,
wenn es auch auf einem Fundament von feuchten Erd⸗
ſäcken ruht; die Neigung zum Schiefen, die plötzlich über
unſern Zug gekommen, verlor ſich; Freudenruf aus er—
leichtertem Herzen erſchallte, die kurzen Pfeifen wurden
wieder angezündet, und ungebrochenen Halſes kam unſre
dampfgetriebene Arche, die erſte, die ſeit der Sündflut
wieder auf dieſer Bahnſtrecke ausgelaufen, in Avignon
an. —
Avignon!.. .Es iſt eigentlich ein Anachronismus, mit
der Eiſenbahn i in Avignon anzukommen! Wer in Avignon
wirklich etwas „Zeitgemäßes“ zu ſuchen hatte, der kam
dereinſt hoch zu Roſſe, gepanzert und geharniſcht einge—
ritten — oder auf langem, zeltbeſchattetem Schiffsverdeck
die Rhone heraufgerudert — oder getragen in behaglicher
Sänfte: aber Avignon, die große Klerikerherberge, das
trutzige, üppige, mittelalterliche Babylon..und das
Reich der Schienen und des Dampfes: beide ſollten von
Rechts wegen nichts miteinander zu ſchaffen haben.
Indes auch hier iſt die moderne, alles auf gleichen Fuß
ſetzende, dem Chriſten wie dem Heiden ſein diner zu drei
Francs, ſein déjeuner zu zwei Francs anrechnende Kultur
Meiſter geworden, und ein Omnibus fährt längs der
zinnengekrönten, von viereckig vorſpringenden Türmen
regelmäßig unterbrochenen Befeſtigungsmauer, die Her⸗
nandez de Heredia, Großmeiſter des Ordens der Fohan—
niter von Feruſalem, einſt als quadergefügten Gürtel um
die Papſtſtadt aufrichtete, die Ankommenden vom Bahn—
hof zum wohlbeſtellten Hôtel de l'Europe.
Und da denn das Schickſal die große ũberſchwemmung
dieſes Jahres als den roten Faden durch all meine franzö⸗
ſiſchen Reiſebilder und Erlebniſſe gewoben hat, ſo mußte
auch das erſte, was mir bei der Einfahrt in die Augen fiel,
ein Stück zuſammengeſtürzten Turmes und Mauerwerk
ſein, das fünf Jahrhunderte lang ſtandgehalten, um jetzo
von den Fluten, die bis vor kurzem die Straßen der Stadt
in ſchiffbefahrene Kanäle verwandelt hatten, angenagt,
unterwühlt und eingeriſſen zu werden.
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