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Avignon. 123
des Gewitters behaglich Tabak rauchend auf Pritſchen und
Matratzen herumlungerte, trug nicht zur Verbeſſerung der
dumpfen Atmoſphäre bei.
Ein Labyrinth von Gängen und Korridoren führt in
5 den unheimlichen Steinmaſſen umher; allmählich kamen
die Erinnerungen alter Zeit zum Vorſchein: hier, wo an
den Wänden wenige Reſte von gemalten Trophäen er-
ſchaulich und jetzo ein ſchnurrbärtiger Schulmeiſter die
Kinder des Regiments, eine köſtliche junge Soldatenbrut,
10o im Schreiben und Rechnen unterrichtet, war Arſenal und
Waffenſaal.dort in jener Turmkapelle, wo auf blauem,
ſternbeſätem Grunde die ſtrengen Heiligen und altteſta—
mentlichen Weiſen um den Thron Gottes ſtehen oder
ſtanden, denn der Kalkbewurf iſt vielfach zerbröckelt und
1s die Revolution von 1791 hat abſichtlich manches vom
Heiligenſchein umfloſſene Haupt herausgehauen, ſo daß
die Gelehrten wohl ſchwerlich mehr ins klare kommen
werden, von welchem altflorentiniſchen Meiſter die Frag—
mente gemalt wurden, — dort hielt das Offizium der
20 Inquiſition ſeine Sitzungen, dort wurden, wie einer der
Zeitgenoſſen ſich einmal ausdrückt, „processus facti terri-
biles et sententiae fulminatae fortissimae'“.
Hier aber, was hat dieſer ſonderbar in ſpitzer Kuppel⸗
form gewölbte Turm zu bedeuten, der als hoher Kamin-
25 ſchlot zugeſpitzt hinausragt über die Dächer? „Wenn die
Leute in Avignon aus dieſem Schlot ein blaues Räuchlein
aufſteigen ſahen“, ſprach der Korporal, „ſchlugen ſie ein
Kreuz und ſprachen: ‚Gott ſei ſeiner Seele gnädig!“ Die
Inquiſition war nicht für öffentliche Hinrichtungen, man
30 tat es mehr häuslich ab. Schade, daß im Fahr 1791 alle
Tortur- und Marterwerkzeuge, die im Schloß aufgehäuft
lagen, in feierlichem Autodafé verbrannt wurden, es ſoll
‚une remarquable collection' geweſen ſein!“
. „.da ſtieß
35 Ich auf verbrannte menſchliche Gebeine“
.
1 „Entſetzliche Prozeſſe durchgeführt und die gewaltigſten Verdonnerungen
ausgeſprochen.“ — ² Worte Poſas in Schillers „Don Carlos“ (H, 10).
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