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124 Reiſebllder.
Es iſt ein ſchwüles Gefühl, auf einem Boden zu ſtehen,
auf welchem dereinſt zur Ehre Gottes Menſchen geröſtet
wurden. Draußen blitzte und donnerte es.
„S'il vous plait, mr. le caporal, une autre salle“, ſprach
ich. Er führte uns auf ein flaches Dach, um Überſicht
über das verwirrte Ganze der Papſtburg und Stadt und
Umgegend zu gewinnen, aber der Regen war ſo ſtark, daß
wir es nur unter aufgeſpanntem Schirm in ſchnellem Ge—⸗
ſchwindſchritt umkreiſen konnten.. eine wohltuende Ab—
kühlung nach Beſichtigung der Ketzerverbrennungsſtätte.
Rückkehrend ſchritten wir durch einen dunkeln, ge—
ſchwärzten, etwas baufälligen, übrigens durch nichts Be—
ſonderes ausgezeichneten Saal. „Voilà la salle brûlée!“
ſprach unſer Führer, „un souvenir historique!“
„Eh bien, mr. le caporal, was hat ſich hier zugetragen
in dieſem verbrannten Saal?“
„Sehen Sie“, ſprach der Korporal und drehte ſeinen
Schnurrbart, „das war dazumal eine ſehr ſonderbare Ge—
ſchichte. Da kommandierte hier im Schloß des Papſtes
Vizelegat Herr Peter von Luna, ein verteufelter Geſelle,
der lud eines Tages die ganze feine Welt von Avignon,
Herren und Damen, zum Souper ein. .und wie ſie
fröhlich hier beiſammen ſaßen und ſchmauſten, ſprengte
er den Saal mit der ganzen Creme der Geſellſchaft in
die Luft. Daher der Name.“
„Eine ſonderbare Geſchichte, mr. le caporal“, ſagte
ich. „Aber was veranlaßte den Herrn Legaten, ſeine
Gäſte zum Deſſert in die Luft zu ſprengen?“
„Das war auch wieder eine ſonderbare Geſchichte. Sie
hatten drei Fahre zuvor ſeinen Neffen an den Galgen
gehängt.“
„Ei! Und warum dieſes?“
„Sehen Sie, auch das war eine ſonderbare Geſchichte.
Dieſer junge Mann pflegte als Neffe des Legaten, Sonn-
tags in der Kirche gegen die vornehmen ſchönen Damen
ſo zudringlich zu werden und ſie ſo gröblich zu inſultie-
ren, daß nicht mehr anders mit ihm auszukommen war,
als man mußte ihn aufhängen.“
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