Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 125
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Avignon. 125

„Und der Herr Legat?“
„Der Herr Legat ließ ſich im Moment, da er Feuer
an die Mine gelegt, durch eine Falltüre in den unterirdi⸗
ſchen Gang hinab, kam darin bis an die Rhone und unter
5 der Rhone durch und rettete ſich nach Villeneuve hinüber.“
„Es führt ein unterirdiſcher Gang unter der Rhone
hindurch?“ ſprach ich ungläubig. Aber der Korporal be—
ſtand feſt darauf, zeigte uns im Hofraum den Eingang zu
jenem Souterrain und rief ſeinen Schlüſſelführer herbei,
10 der beſtätigte, daß er ſelbſt mit einem Hauptmann vom
Genie in den vierziger Fahren in dieſen Gang ſo weit ein⸗
gedrungen ſei, daß ſie die Rhone über ſich brauſen gehört.
Ich mußte dieſen Gewährsmännern überlaſſen, für
ihre Geſchichte von dem in die Luft geſprengten Souper,
15 wie für die Exiſtenz eines ſolchen Tunnels einzuſtehen, der
übrigens in Gedanken und Ausführung vollſtändig zu dem
in dieſen Verteidigungsbauten durchgeführten Syſtem
paſſen würde und damals, da Villanova als zweite Papſt-
feſtung das rechte Rhoneufer beherrſchte, als unterirdiſche
20 Verbindung der beiden Schloßbeſatzungen von einer der
Beſchwerlichkeit der Anlage ſchon entſprechenden Wich—
tigkeit geweſen wäre.
Es lag nun etwas Anmutendes darin, noch nach fünf⸗
hundert Fahren einen verwegenen Bizelegaten als Hel—
25 den einer Kaſernenüberlieferung lebend zu finden; meine
Kenntniſſe waren jedoch in jenem Augenblick nicht aus—
gerüſtet genug, um hiſtoriſchen Kern und Mythus völlig
auseinanderzulöſen. Darum ſteht im damaligen Tage⸗-
buch die kurze Bemerkung: „La salle brůlée. NB. Uner-
30 achtet der ausführlichen Korporalserzählung zu Hauſe
auch noch die vitae paparum Avenionensium von Ste—⸗
phan Baluze nachzuleſen!“
Aber auch ohne vergilbte Folianten nachzuſchlagen,
war beim zweiſtündigen Gang durch die Papſtburg eine
35 Heerſchar von Geſtalten vor mir aufgeſtiegen, die mich an
jenem Abend nicht mehr verließen. Es liegt ein eigener,
die Vergangenheit wieder belebender Zauber über ſolchen
handgreiflichen Verkörperungen alter Zeit.. die Phan-


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