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Avignon. 131
war und im biſchöflichen Palaſt ſein Quartier genommen
hatte, in öffentlichem Aufzug zu Pferd durch die Stadt,
im roten Gewand ohne Mantelüberwurf und Pallium,
das Schwert umgegürtet, einen Krummſtab in der Hand,
und indem er in dieſem ziemlich unehrbaren Aufzug das
Volk zur Rebellion aufſtachelte, hielt er, unter dem all—
gemeinen Zuruf: Es lebe das heilige Kollegium der Kar⸗
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dinäle und die Bürgerſchaft von Avignon!' auf den Gaſſen
und Plätzen Volksreden.
„Hernach ſtürmte der genannte Boucicaut mit denen
von Avignon den Turm, der auf Seite der Stadt ſich
oberhalb der Brücke erhebt und von einigen Dienſtleuten
des Papſtes verteidigt war; ſie legten Feuer vor die Tore
und ſetzten ihm mit Minen, Balliſten und Bombarden
dermaßen zu, daß die Beſatzung, unvermögend ferneren
Widerſtandes, mit Erlaubnis des Papſtes den Turm an
die Bürger übergab, die ihn unter großem Jubel ein-
nahmen, ihre Paniere auf der Spitze aufpflanzten und
das päpſtliche Schloß über alle Maßen beunruhigten.
„Am Tag des heiligen Erzengels Michael aber, der ein
Sonntag war, griff der genannte Kardinal von Novo
Caſtro mit ſeinen Bombarden die apoſtoliſche Reſidenz
gewaltig an, ließ durch Boucicaut und die andern eben-
falls angreifen, und einige Steinſplitter von der Stein—
kugel einer Bombarde, die aus dem kleinen Palaſt, wo
der Kardinal ſein Quartier hatte, abgeſchoſſen wurden,
trafen und verwundeten den Papſt.
„Am Dienstag den 1. Oktober jedoch wurde der ge—
nannte Kardinal, wie man glaubt, durch Gericht Gottes,
von Geſchwüren und Karbunkel am ganzen Körper be—
fallen, verlor alle Beſinnung und am Freitag, den ſechſten
Tag nach dem Feſt des heiligen Michael, ſein Leben —
wolle Gott, nur das des Leibes und nicht auch der un—
ſterblichen Seele.
„Hernach wurden zwei große Kriegsmaſchinen zu bei⸗
den Seiten des Schloſſes aufgerichtet, welche Steine von
mächtigem Umfang wider das Schloß ſchleuderten; — mit
dieſen und viel großen Bombarden, Pfeilen, Schleuder-
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