Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 137
(PDF, 113 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Avignon. 137

Monument. Er war das Kind einer noch nicht enzyklo—
pädiſchen und ziviliſationsgefirnißten Zeit, wo der Menſch
in der Tiefe ſeines einfältigen Gemütes zufrieden war,
einen einzigen Gedanken als Zweck und Aufgabe des Le⸗
bens feſtzuhalten und durchzuführen...HKein Schäfer aus
Alviar in der Landſchaft Vivarais, über den, wie hundert
Jahr ſpäter über ſeinen ſchäferlichen Schickſalsgefährten
Giotto, die Inſpiration der Kunſt kam und ihm nicht Ruhe
und nicht Raſt mehr ließ. Im Fahre 1177 ſtund der zwölf—
jährige Hirtenknabe auf den Straßen von Avignon und
erzählte jedem der Vorübergehenden, daß er von Gott
berufen ſei, eine ſteinerne Brücke über die Rhone zu bauen;
den Sachverſtändigen ſprach er verſtändig wie ein ge—
wiegter Baumeiſter, den Zweiflern ſchleppte er, wie die
Sage meldet, einen ſieben Schuh breiten Stein, den ſonſt
nicht dreißige zu heben vermochten, bis an den Fluß und
warf ihn als erſtes Fundament hinein, die ökonomiſch
Bedenklichen wies er auf Gott, der im Schwachen Star-
kes vollbringt...
Begeiſterung hat etwas wohltuend Kontagiöſes, man
glaubte an den jungen Architekten, der an ſich ſelbſt
glaubte, Biſchof, Geiſtlichkeit und Volk hatten Freude an
ihrem „Benedictulus pontifex“ und ſchafften die not—
wendigen Goldgulden herbei; nach zwölf Jahren waren
die ſteinernen Bogen über das breite Gewäſſer geſpannt,
das Unglaubliche war geſchehen, der wilde, ſchon dem
Altertum ob ſeiner jähen, reißenden Strömung (,Rho-
danusque celer“ — „praeceps Rhodanus“) berüchtigte
Strom durch eine der ſtolzeſten Brücken gezähmt, und die
beigetragenen Gelder und frommen Stiftungen reichten

G noch aus, um am Eingange der Stadt ein Hoſpital und

eine geiſtliche Brüderſchaft, genannt die „Brüder von der
Brücke“, zu begründen.
Sankt Bénézet aber wollte nichts anderes mehr in
ſeinem ſpätern Alter, als bei ſeiner Brücke ſein; dort, in
ſteter Sorge um das nach Müͤhe und Not gelungene Werk
ſeines Lebens, von der Brüderſchaft zum Prior erwählt,
brachte der Hirtenknabe von Alviar den Reſt ſeiner Tage


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