Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 140
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0140
140 Reiſebilder.

aus der Muſeumsſtraße wieder abgefloſſen, aber die Spu—
ren der gräßlichen Verwüſtung noch ungetilgt und unver—
hüllt zutage liegend.
Wie ſah es in dieſem Hofe aus! .. . Ein Avigno⸗
niſcher Winckelmann hätte ſich ein Leid darob antun

mögen!... Unmmggeriſſen, fündflutlich übereinander ge⸗

ſchwernmt, in Schlammformationen gebettet, als ſollten
ſie eine zweite Verſteinerungsperiode durchmachen, lagen
die antiken Fragmente.. hier zu einem Konglomerat zu—
ſammengebacken ein Sarkophag mit etlichen Architraven
und Stirnziegeln, dort im Gras ein weiblicher Torſo un—
anſtändig neben einem ſoliden Meilenſtein ſeitwärts

aber unter einer Bretterhütte war ein halb Dutzend ver⸗

unglückter Götterbilder bereits wieder aufgerichtet, und
die Mägde des Inſpektors in traulichem Verein mit rot-
hoſigen Rekruten beſchäftigt, unter Singen und Lachen
mit Beſen, Bürſten und ſonſtigen „Kriegsmaſchinen“ die
edlen Marmorleiber von dem ſchier unheilbar inkruſtier—
ten Schmutz zu befreien.
Auch in den inneren verſchont gebliebenen Räumen
war es zu feucht, um lange zu verweilen; ſolchen, die ſich
gerne ihre archäologiſchen Zähne an etwas ſchwer Er—
klärbarem ſtumpf beißen, nenne ich ein Skulpturwerk von
fremdartig ſcheuſalhaftem Charakter, gefunden im Fahr
1849 tief unter dem alten Boden der Kirche von Noves,
Departement bouches du Rhöne... ein großes, breit-
köpfiges, halb affen-, halb wolfsartiges Ungeheuer in
ſitzender Stellung, deſſen Rachen der halb verſchlungene
Arm eines Menſchen entragt und das in ſeinen Vorder-
tatzen zwei menſchliche Köpfe oder Bruſtbilder hält.
Ob hier phantaſtiſch rohes frühes Mittelalter, oder
galliſch-druidiſche Menſchenopferer, oder gar altphöni⸗
kiſche Molochverehrer, denen auf ihren Handelsfahrten die
Rhonemündungen gar wohl bekannt waren, ſich an den
Geſetzen des ewig Schönen ſo grauſam in Stein verſündigt
haben, will ich gelehrteren Männern, die mehr Zeit zu
verlieren haben, zur Entſcheidung überlaſſen. Die Schlüſ—
ſelbewahrerin, die mich umherführte, ſagte, das Ungetüm



20

30

35


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0140