Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 143
(PDF, 113 MB)
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Avignon. 143

Betrübnis mußte ich wahrnehmen, daß man etliche von
der glückſeligen Natur eines Haarkräuslers und Tanz—
meiſters, oder von der „ſchönen Naivität der Stubenmäd-
chen zu Leipzig“ in die Adern gemiſcht haben muß, um
dieſen „Klaſſiker deutſcher Nation“ auf dem Schauplatz
ſeiner Taten mit Genuß würdigen zu können.
Es mag ſeinerzeit ſehr pikant geweſen ſein, als vor—
nehmer Sypochonder mit einem treuen Johann und
einem wohlgenährten Mopſe ſüdwärts zu ziehen, um
„durch Rütteln und Schütteln der Poſtchaiſe den freien
Gebrauch der blaſierten Seelenkräfte wieder zu erlangen“,
es mag auch für den, der weder aus Natur noch aus
eigenem waghalſigen Abenteuer in fremdem Land neue
elektriſche Regung in den müden Geiſt zu leiten verſteht,
eine Angelegenheit äußerſter Wichtigkeit geweſen ſein, ein
hochbuſig provenzaliſches Naturkind als Berliner Ana—

kreon über die mythologiſchen Verhältniſſe Gott Amors

zu belehren oder die Freundin eines avignoniſchen Dom—
propſtes durch ein geweihtes Strumpfband zu erobern..
mögen auch recht ſchöne Sachen in den ſorgſam friſier⸗
ten und gepuderten Oden und Lehrgedichten ſtehen, die
der Verfaſſer, um ſich „ſanft über läſtige Zeiträume zu
heben“, kunſtreich zu bauen weiß; aber wer außer der
ſüßen Perſon dem mit verführeriſchen Bruſttüchern und
Schürzen ſo ernſte Kämpfe kämpfenden Hypochonders noch
etwas von den mittäglichen Provinzen oder den geſell-
ſchaftlichen Zuſtänden des Landes, das damals in ſtiller
Schwüle gewaltigen Dingen entgegenging, kennenzuler—
nen wünſcht, der belaſtet ſich vergeblich mit dieſen Bänden.
Und daß noch auf dem Markt des heutigen Tages —
nachdem die großen Gewitter um den deutſchen Parnaß
die Luft gereinigt, nachdem ſelbſt Vater Wieland, der ähn-
liche Dinge doch noch mit geſalzener Grazie auf helleniſcher
Flöte zu blaſen verſtand, bereits viel Staub anſetzt und
böſe Menſchen die Entdeckung gemacht, daß jener tändelnd
empfindſame Eſprit unſrer galanten Vorväter oftmals
von Fadheit gar nicht weit verſchieden: daß in dieſem
kritiſchen, geſchichtlichen Jahrhundert der verdauungs—


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