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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 145
läſterlichen Reden zu entweihen und doch andererſeits der
ſüßen Gewohnheit des Fluchens nicht zu entſagen, den
ſeltſamen Kraftausdruck „grenouille de Dieu!“ als drittes
Vort zu gebrauchen pflegte, trug uns an einem fröhlichen
5 Sommermorgen in holperndem Trabe dorthin.
Unweit des Städtleins L'gsle ſtießen wir auf eine
ſeltſam wandernde Geſellſchaft: etliche Männer in Bluſen
zogen einen tuchüberſpannten Wagen, darin ein blaſſes
krankes Weib ſaß, eine zigeunerartige Alte kam almoſen-
10o heiſchend zu uns herüber. „D'où venez-Vous?“ ſprach
ich ſie an; ſie aber ſchüttelte das Haupt und ſagte abwin⸗
kend: „Verſteh' nicht Franzöſiſch.“
Alſo fahrende Leute deutſchen Stammes auf offener
Landſtraße zwiſchen Vaucluſe und Avignon. „Deutſch
15 denn!“ fuhr ich fort, woher des Weges?“ — „Von Mar-
ſeille.“ — „Was dort getan?“ — „Am Hafen gearbeitet,
Lumpen geſammelt.“ — „Sonſt nichts?“ — „Ja doch.“ —
„Was denn?“ — „Auch Knochen aufgeleſen.“ — „Wohin
jetzt?“ — „Heim, nach Sulz im Elſaß. Es wird zu heiß
20 in Marſeille.“ ... Sie wieſen uns zu förmlicher Legiti⸗-
mation ihren Paß vor. „Grenouille de Dieu!“ ſprach
Godefroi Lefort, der Kutſcher, da er die Inſignien des
Kaiſerreiches auf ihrem Reiſeausweis wahrnahm, „voilà
des Français qui parlent un beau patois!“
265 . . Es waren trübſelige Betrachtungen anzuſtellen
über die Beteiligung der Menſchen deutſcher Zunge an
den Spenden des Mittelmeeres. Vorüber, vorüber!...
Wir gaben den Leuten von Sulz ein reichliches Almoſen
und wünſchten ihnen Glück zur Heimfahrt oder vielmehr
30 zum ſelbſt ſich befördernden Heimſchub.
Bald waren wir an Ort und Stelle. VBaucluſe und
Petrarca! es wird wenig Namen geben, die in der Über-
lieferung der Menſchen ſo aneinander gelötet ſind wie
dieſe zwei. Der alte Poet iſt nicht nur geiſtig, ſondern
36 auch volkswirtſchaftlich der Patron von VBaucluſe gewor⸗
den, man lebt und zehrt von ſeinem Andenken, der Kut-
ſcher verdankt ihm die Beſtellung ſeiner Wagen, der Wirt
den Beſuch ſeines Gaſthofes, der Fiſcher in der Sorgue
Scheffel. IV.
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