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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. . 147
Drachen macht, den Felſen entgegen. Genuͤber ragen
auf ſteilem Abhang, von dunkelm Gebüſch und einer
Gruppe von Pappelbäumen umſäumt, über verſchiedenen
winkligen Häuſergruppen und turmartigem Gebäu die
s Ruinen des Schloſſes von Vaucluſe, das die Grafen von
Toulouſe einſt erbauten und ſpäter den Biſchöfen von
Cavaillon abtraten, deren einer, Philipp von Cabaſſole,
Petrarcas Zeitgenoſſe und Freund war, von ihm durch
Zueignung der Schrift „De vita solitaria“ und manches
10 freundſchaftliche Sendſchreiben geehrt.
Die Landſchaft iſt äußerſt maleriſch, Stift und Pinſel
zur Nachbildung wahrhaft herausfordernd.
Mächtige, über 2000 Fuß hoch ſenkrecht aufſteigende
Kalkfelſen von grauer, oft gelblich braun unterbrochener
145s Färbung umſchließen in pittoresken Formen das enge
Tal. Ihre Wände ſind kahl, faſt ohne alle Vegetation;
nur den Ufern der Sorgue entlang und vorn beim Flecken
Vaucluſe üppiger Baumwuchs und graugrüne Oliven-
pflanzungen. Schutthügel, mit Felsblöcken überſäet,
ꝛ0o ſtrecken ſich an den Abhängen, durch ſie bricht ſich das
rauſchende ſtarke Bergwaſſer Bahn.
Am Ende des Tales, da, wo es durch eine kaum über-
ſteigbare rieſige Wand im wahrſten Sinne des Wortes
abgeſchloſſen iſt — in einer förmlichen Felſenſackgaſſe fan⸗
25 den wir denn, ſtill und lauſchig, den Quell, die „Sorgia,
rex fontium'“, ein ruhig tiefes, blaugrünes, wundervoll
durchſichtiges Gewäſſer, das reich und breit und gleich mit
Stromesſtärke aus geheimnisvoll unergründeter Spalte
der Kalkwand zutage ſpringt und unmittelbar am Ende
zo ſeines einem Miniaturgebirgsſee ähnlichen Beckens in
ſchäumendem Fall über moosdunkle Felſen talab ſtürzt.
Der Waſſerſtand war ein ſehr hoher; — zu andern
Zeiten ſenkt ſich oft, ohne äußerlich erkennbaren Grund,
der geſamte Quell und verſchlüpft faſt ganz in die Tiefen
35 des Berges, ſo daß man weit in die Höhlungen des ſelt—
ſamen Baſſins hinabſteigen kann.
1 „Sorgue, Königin der Quellen.“
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