Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 148
(PDF, 113 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0148
148 Reiſebilber.

Wenige Feigenbüſche, mühſam und ängſtlich an die
Ritzen des kahlen Geſteins ſich anklammernd, wiegten ihre
Aſte über dem klaren Spiegel; die Ruhe des Quells, die
tiefe Durchſichtigkeit der Waſſerfläche, auf deren Grund
hellgrüne Schlingpflanzen die meerdunkle Farbe des
Bergwaſſers unterbrechen, kontraſtiert prächtig zu dem
wenig Schritte davon beginnenden, milchweiß aufſchäu—
menden Sturz und Entrauſchen.
Hier iſt wahrhaft ein geſchloſſen Tal — ein „procul
abeste profani?!“ — ein Bad zu wohligem Herumplät-
ſchern für Nymphen und Najaden und all in den Spalten
wohnendes Gnomenvolk — ein Ort der Erinnerung und
träumenden Selbſtvergeſſens, ein echter Poetenwinkel,
geeignet, auch viel Jahrhunderte nach Petrarca bei kühler
Sommerfriſche, genügender „Naturverpflegung“ und
einigen andern notwendigen Vorausſetzungen einen epi—
goniſchen Mann zu Sang und wohllautendem Auftönen
der Seele zu begeiſtern.
Hier begreift ſich's, wie Petrarca bei der naturtreuen
Schilderung des Tales, die er ſeiner „Vita solitaria“
(lib. II, tractat. X, cap. 2) einflocht, ſich an den Ausſpruch
Senecas gemahnt finden mochte, daß der Anblick ſolcher
nicht durch Menſchenhand, ſondern durch Kräfte der
Natur in die Felſen gehöhlter Wölbungen das Herz mit
frommem Schauer durchziehe, und daß der plötzliche Aus—
bruch eines Fluſſes aus verborgener Tiefe zur Gründung
von Altären auffordere.
Es wollte mir wehmütig zu Sinn werden, da ich den
Blick in dieſer Felswildnis ſich ergehen ließ. Der land—
ſchaftliche Eindruck iſt beinahe der gleiche wie auf der In—
ſel Capri — als ob das Gebirg' von Vaucluſe unter dem
Meere ſich fortziehe bis zum Buſen von Neapel und gegen⸗
über dem Veſuv ſein Haupt wieder aus den Wellen er—



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hebe; — dort in den Abhängen des Monte Solaro wie

hier an Petrarcas Quell dieſelben hohen Abſtürze von
hellem Kalkſtein, dieſelben ſeltſamen Spalten und Grot⸗-

1 „Bleibet fern, Ungeweihte!“ (VBirgil, „Aeneis“ 6, 268.)

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