Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 149
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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Ein Tag am Quell von Vaucluſe. 149

ten, dieſelben Feigenbüſche und Oliven...HZmein Herz
wollte ſchier Heimweh bekommen nach den flachen Dä⸗—
chern jenes glückſeligen Eilands, da es ſo lebhaft ſeiner
gemahnt ward.
Touriſten aus allen Weltgegenden haben ihre Namen

an die Felſen geſchrieben, gepinſelt, eingehauen .auch

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eine Inſchrift, wahrſcheinlich den Waſſerſtand betreffend,
erſcheint an der Felswand, wenig über der Höhe der
Quelle. Eine fröhliche Geſellſchaft war unten am Saume
des Waſſers gelagert; Herren und Damen hatten einen
kühlen Trunk geſchöpft und ließen ihn, nachdem ſie übri⸗—
gens eine Anzahl Weinflaſchen ſchon vorher ausgetrunken,
zu Ehren der Laura und ihres Freundes die Runde
machen... Überall Petrarca, und nichts als Petrarca!
Zu Vaucluſe iſt kein Kraut wider ihn gewachſen.
Sein Wohl aber im Waſſer ſeines eigenen Quells zu
trinken, ſchien mir unangemeſſen. Darum, um auch
meinerſeits dem Ort und ſeinem Genius den ſchuldigen
Tribut abzutragen, ſtreckte ich mich hoch oben auf einer
Felsplatte in den Schatten und verfertigte, denn jede
andere Form wäre hier eine Verſündigung. geweſen, ein
wohlgedrechſeltes Sonett, ſagte, was ein gebildeter
Menſch unter ſolchen Umſtänden ſagen kann, Lob und
Preis a) des Quells, b) des Mannes, der hier ſo viele und

25 ſchönere Sonette gemacht, ſchloß' mit der angemeſſenen

Wendung:
Kein halb Fahrtauſend iſt talab gerauſchet,
Seit hier die Nymphen Lauras Freund belauſchet,
Stumm ruht die ſchatt'ge Wildnis und verſchwiegen,
Doch ewig ſtrömt, wie hier Petrarcas Quelle,
Der Dichtung Born in bergesfriſcher Welle:
Was aus der Tiefe kommt, kann nie verſiegen!“
ſchnitt ſodann ein Blatt aus meinem Skizzenbuch, ſchrieb
das Poem reinlich darauf, verſchloß es in eine der Flaſchen,

35 welche die franzöſiſche Geſellſchaft unterhalb ſamt an—

dern Frühſtückstrümmern zurückgelaſſen, und warf Flaſche
und Sonett in die Tiefe der Flut — gleich einem jener

1 Bgl. den vollſtändigen Abdruck in Bd. 1 dieſer Ausgabe, S. 208.


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