Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 155
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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Ein Tag am Quell von Daueluſe. 155

nähern vermeldet. „Laura war die Tochter des Ritters
Audibert von Noves und ſeit 1325 mit Hugo von Sade in
Avignon vermählt. Sie war eine der vollkommenſten
ihres Geſchlechtes, ihre Augen zärtlich und feurig, ihre
s Augenbrauen glänzend wie Ebenholz, ihre Haare golden
und von der Hand des Liebesgottes ſelbſt geſponnen (1),
ihr Hals blendend, ihr Antlitz von einer Röte gehoben,
welche die Kunſt ſich vergeblich bemüht nachzuahmen, ihr
Mund voll Perlen und Roſen (), ihre Stimme rührend
10 und ſanft, ihr Gang leicht und zierlich, und über ihr ganzes
Weſen war bezaubernde Anmut und reizvolle Sittſamkeit
ausgegoſſen.
„Petrarca zählte dreiundzwanzig Jahre, war ein
blühender Züngling, lebenskräftig und wohlgeſtaltet, als er
15 die Schöne zum erſtenmal erblickte und die hellen Funken
der Liebe in ſein Herz niederfielen. Seine Seele, die das
Feuer der Liebe noch nicht empfunden hatte, ſtand auf
einmal in vollen Flammen. Er fiel in das Netz, worein
bezaubernde Gebärden, engliſche Wörtchen, Anmut,
20 Sehnſucht und Hoffnung ihn fingen. () Zwanzig Fahre
lang liebte er dieſe Laura, ohne irgendeine andere Gunſt
als bisweilen einen freundlichen Blick oder ein ſanftes
Wort zu erhalten; neunmal iſt ſie Mutter geworden, und
die Blüten ihrer jugendlichen Reize und ihres Körpers
25 fielen ab, aber immer noch blieb ſie die Seele ſeiner Ge⸗
ſänge uſw. Eine ſolche Liebe war nicht von gemeiner Art,
ſie war geiſtiger Natur (0 und wirkte geiſtig in den Dich⸗
tungen Petrarcas (1!)“—
So der Mann von Vaucluſe, wie er bei löblichen Kon⸗
30 verſationslexikons-Abonnenten, alſo bei der Mehrzahl der
„gebildeten Welt“, fortlebt.
Sodann aber gibt es eine Gattung ernſter, zugeknöpf⸗
ter Leute, die gewöhnlich Brillen tragen, auf Liebes—
geſchichten nicht gut zu ſprechen ſind und es in betreff von
35 Sonetten und Kanzonen mit ihrem Freund Cicero halten,
der da ſagte: „Und wenn ich doppelt ſo alt werde, als ich
bin, weiß ich doch nicht, woher ich die Zeit nehmen ſollte,
unſre lyriſchen Dichter zu leſen.“ Aber auch dieſe nicken


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