Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 163
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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Ein LTag am Quell von Vauecluſe. 163

„Soll leben, der gute Moussu!“ ſprach ich wiederum
und ſtieß mit ihr an.
Unterdes war Godefroi Lefort, der Kutſcher, an die
Felswand hinübergegangen und kam mit einem wahren
5 Gebüſch von Lorbeer in der Hand zurück. „Monsieur“,
ſprach er, „un souvenir de Pétrarque!“
Er ergriff ohne weiteres meinen Hut und ſteckte einen
Zweig darauf; „grenouille de Dieu!“ fuhr er fort und
zeigte auf mein unvorſichtigerweiſe offen an der Mauer
vo liegengebliebenes Taſchenbuch — „j'ai bien vu que vous
êtes poëte vous-même, ça me parait bien belle chose,
d'être poëte!“
Und auf die Gefahr hin, für immer der Eitelkeit und
des Strebens nach nichtigem Ruhm gezichtigt zu werden,
15 geſtehe ich, daß ich mich nicht ſträubte, da der Kutſcher
Godefroi Lefort in Anerkennung des Anteils, den ich für
Petrarca hegte, das Lorbeerreis aus ſeinem Garten auf
meinen Hut ſteckte:
„. porrige ramum,
20⁰ quem sacra castaliae regnatriz tradidit almae

illius hic, nostrumque simul tibi munus habeton!“
Petrarca, „Carmen bucolic.“, Ecloga 3.

Am 8. April 1341, da die Glocken von Ara coeli Roms
ſüße Müßiggänger auf das Kapitol beriefen, da die Fah—
25 nen wallten, die Jubelhymnen ertönten und, von ſchar—
lachgekleideten Edelknaben, von Patriziern und Senato⸗
ren geleitet, der Poet von Vaucluſe aus Orſo von Anguil⸗-
lardas Hand droben am heiligen Mittelpunkt der heiligen
Stadt den Lorbeer empfing — mag es etwas feierlicher
zo zugegangen ſein;.. heutzutage iſt man weſentlich beſchei⸗
dener geworden und darf ſich höchlich freuen, wenn einem
überhaupt noch, und wäre es von Kutſchers Hand, ein Lor-
beer aufgeſteckt und nicht vielmehr mit Fauſtſchlägen der
Hut „angetrieben“ und Tinte ins Antlitz geſchüttet wird.
38s Zw ſtillen aber dacht' ich: „Wackerer Roſſelenker von

1 „Reich mir den Zweig, den die heilige Herrſcherin der holden Ouell
nymphe hier gegeben, und nimm ihn zugleich als unſer Geſchenk.“

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