Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 165
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0165
Ein CTag am Quell von Vaucluſe. 165

Des Pfarrhofs alte Schaffnerin kam herüber, zündete
ein Licht an und führte mich zu der Kapelle des Heiligen,
dem älteſten Teil der Kirche, deſſen plumpe Bogen auf
antiken, vielleicht dem ehemaligen Heiligtum der Quellen-
s nymphen entnommenen kannelierten Säulen ruhen.
Andere antike Fragmente ſind in die Wand eingemauert,
und auf plumpem Untergeſtell ruht ein ebenſo plumper,
mächtiger, aus einem Stück gehauener Steinſarkophag,
ein Werk des ſechſten Fahrhunderts, einſtmals beſtimmt,
10 die ſterblichen Reſte des heiligen Veranus, Biſchof von
Cavaillon, der hier ums Jahr 540 „in praedio suo cellu-
lam in honorem Dei genitricis construxit'“, aufzunehmen.
Der heilige Veranus, ein Kirchenmann, Einſiedel und
Biſchof in wüſter merovingiſcher Zeit, dem die Sage Be—
15 ſchwörung und Bändigung des Drachen im „trou du
Coulobrẽ“ ohnweit der Quelle zuſchreibt, hat lange vor
Petrarca das Tal berühmt gemacht; von ihm ward auch
die Kapelle auf dem Gipfel des rieſigen Felſens über dem
Quell erbaut; ſein Grab war im Mittelalter ein viel—
20 beſuchter Wallfahrtsort, auch von Petrarca (z. B. „De vita
solitaria“, lib. II, tract. 10, cap. 2) mannigfach erwähnt,
in der erſten Revolution aber verwüſtet und ſeither bei—
nahe vergeſſen.
„Der Herr Curé hat alles genau beſchrieben“, ſagte
25 die Schaffnerin, „das müſſen Sie leſen!“ und ſie ging
und brachte mir die, Notice historique sur le tombeau de
St. Véẽran“, von Abbé Androͤ, dem Pfarrer von Vaucluſe,
verfaßt. Beim flackernden Schein ihrer Kerze in der
Veranuskapelle ſchlug ich das Büchlein auf und las be—
30 troffen die erſten Zeilen:
„Il serait temps, qu'on en finit avec Laure, Pétrarque
et leurs amours! Est-ce donc une chose si étonnante
et si rare que l'amour d'un poète pour une femme quel-
conque? .
36 Der Herr Curé iſt nämlich weidlich erzürnt, daß alle
Beſucher ſeines Tales nur zu den Reliquien Petrarcas

1 „Auf ſeinem Gute eine Zelle zu Ehren der Mutter Gottes errichtete.“


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0165