http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0166
166 L Reiſebilber.
wallfahrten und ſucht mit ſeinem ſtrengen, magern mero⸗
vingiſchen Heiligen dem verliebten Kanonikus und Archi—
diakonus des vierzehnten Jahrhunderts eine gefährliche
Konkurrenz zu machen. Aber ſeine eigene Haushälterin
iſt, wie ich mit Bedauern wahrnehmen mußte, noch nicht
von ihm bekehrt.
„Eine ſchöne Kapelle“, ſprach ich zu ihr, „ich danke
Ihnen, daß Sie mir ſie gezeigt!“
„Ja“, ſprach die Schaffnerin, „und in dieſer Ka—
pelle hat Petrarca die Laura zum erſten Male
geſehen! Sie trug einen grünen Mantel mit Violen
geſtickt damals!“
.. . II serait temps, qu'on en finit avec Laure, Pé-
trarque et leurs amours!!“ Guter Pfarrer von Vaucluſe,
die Zeit ſcheint noch nicht gekommen zu ſein, und der
heilige Drachentöter Veranus wird das Andenken an den
Poeten nicht mehr verdrängen! Wie einſt die joniſchen
Städte um die Wiege Homers, ſo ſtreiten die Kirchen von
Avignon, von Vaucluſe, von Cabrières, von Sade, von
L'Jsle und vielleicht noch manche andere um die Ehre,
auf ihrem Steinpflaſter zum erſtenmal Lauras Glanz
ihrem Freunde gezeigt zu haben, und wiewohl er ſelber
zur Hebung aller Zweifel in dem berühmten Eintrag auf
das Titelblatt ſeines Virgilius, den jetzo die ambroſianiſche
Bibliothek zu Mailand bewahrt, verſichert, daß jene erſte
Begegnung im Fahre des Herrn 1327 am 6. April in
früher Morgenſtunde zu Avignon in der Kirche der
heiligen Clara ſtattgefunden, und wiewohl der Pfar—
rer von Vaucluſe ein eigen Büchlein verfaßt in der Ab-⸗
ſicht, den Petrarca- und Laurakultus mit Feuer und
Schwert zu vertilgen: ſeine Haushälterin iſt die Penelope,
15⁵
30
welche die Fäden wieder auftrennt, die ihr Herr ſorgſam
gewoben, von dem alten Heiligen im Steinſarg weiß ſie
nichts, von Petrarcas ungeeigneten Titelblatteintrãgen i in
ſeinen Virgil ebenſowenig: aber ein Liebespaar in dieſer
Kapelle, die ſo eng iſt, daß die erſte Begegnung jedenfalls
eine ſehr nahe geweſen ſein müßte, das wäre doch „une
bien belle chose“; und mag der Herr Pfarrer noch zwan—
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke4/0166