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Ein Tag am Quell von Bauclufe. 167
zig Bücher ſchreiben, die Frauen und Jungfrauen ſeines
Kirchſpiels werden doch auf Seite der Dichtung gegen
die Geſchichte kämpfen und Petrarca bleibt doch oben.
„ lateque sonorum
nomen habet: quae rura Padus, quae Thybris et Arvus,
quae Rhenus Rhodanusque secant, quaeque abluit aequor,
Omnia jam resonant pastoris carmine nostrii.“
Petrarca, „Carm. bucol.“, Ecloga I. „Parthenias.“
Was mich anlangt, ſo hatte ich dem Meiſter Petrarca
einen fröhlichen Tag zu verdanken, der im Buch der Er—
innerungen mit Rotſtrich verzeichnet bleibt, und fuhr
darum vergnügt in kühler Abendluft wieder von dannen.
Und wie ein jeder ſein eigen Ellenmaß für den Dichter
von Vaucluſe hat, ſo habe auch ich das meine.
Die Schwachheiten und Sünden ſeines Privatlebens
gehen mich lediglich nichts an. In betreff ſeiner Poeſie
halt' ich es mitunter mit Vittorio Alfieri, der in ſeinen
handſchriftlichen Studien zu Petrarca beim 108. Sonett
einmal die böſe Randbemerkung macht:
„Sonetto che non s'intende, ma ci son' de' bei versi“!“
(Biagioli, „Rime di F. Petrarca“. I, p. XXXII, p. 208.)
Aus dem ehrwürdigen Foliantband aber, darin Fo—
hann von Amorbach, der Baſler Drucker, unter des treff⸗
lichen Sebaſtian Brant Auſpizien im Fahre 1496 ſeine
lateiniſchen Werke zuſammengeſtellt, hab' ich des An—
ziehenden ſchon vieles herausgeleſen und mich manch
gutes Stündlein mit dem alten Poeten gut unterhalten:
in ſeiner „Vita solitaria“ die reſignierte, dem Künſtler ſo
mitempfindbare Freude an melancholiſch einſamen, aber
ſchöpferiſchem Naturleben, in den philoſophiſchen Trak⸗
taten eine klare, anſtändige, beſonnene Anſchauung menſch⸗
licher Dinge, in den vier Büchern „Invektiven gegen einen
gewiſſen Arzt“, der behauptet, die Dichtkunſt ſei „non
* Oieſes Sonett verſteht man zwar nicht, aber es ſind ſchöne Verſe.
1 „Er hat einen weithin klingenden Namen: alle Länder, die der Po,
Tiber und Arno, der Rhein und die Rhone durchfließen und die das Meer
beſpült, klingen ſchon wider vom Liede unſeres Hirten.“
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