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168 Reiſebllder.
neccessaria“, daher „ignobilis'“, eine geharniſchte Ver⸗
teidigung der Poeſie, in ſeinen Briefen an die Freunde
einen Schatz anziehender Mitteilungen aus damaliger
Welt und damaligem Kulturleben gefunden und neben
andern löblichen Eigenſchaften insbeſondere einen ge—
ſchmackvollen Touriſten an ihm kennengelernt, der mit
feiner Beobachtung ſeine Erinnerungen an mannigfache
Fahrten in Deutſchland, Frankreich und Welſchland auf—
zeichnet. Unter der Rubrik „Ein Touriſt des vierzehnten
Jahrhunderts“ ließe ſich einmal eine anmutige Samm⸗—
lung ſeiner Reiſebriefe und damit wieder ein neuer Ge—
ſichtspunkt zu Betrachtung des ſchon unter ſo vielen Ge—
ſichtspunkten Betrachteten aufſtellen.
Da nun mein Tag in VBaucluſe doch ganz in petrarchi⸗
ſchen Erinnerungen aufzugehen beſtimmt iſt, will ich zum
Schluß auf Geratewohl zwei Stücke aus jenem Foliant-
band herausgreifen, die uns den Mann ſelber und ſeine
Art zu denken in bezeichnender Weiſe vorführen.
Das erſte enthält ſeine Anſicht über die Schriftſtellerei,
ein beherzigenswertes Kapitel für jeden, der des füßen
Wahnes lebt, an Förderung der Menſchheit durch Drucker-
ſchwärze und Löſchpapier mitarbeiten zu müſſen, ein
Bruchſtück aus dem philoſophiſchen Traktat „De remediis
utriusque fortunae“, darin in dialogiſcher Form die Luſt
(Gaudium) und die Vernunft (Ratio) ſich über verſchie—
dene Lagen des Menſchenlebens beſprechen, und lautet
wie folgt:
„De scriptorum fama. Dialogus.“
Das Gaudium ſpricht: „Jetzt ſchreib' ich ſelber
Bücher.“
Die Ratio ſpricht: „O der öffentlichen, anſteckenden,
unheilbaren Krankheit! Alle und alle maßen ſich das
Amt des Schreibens an, was doch nur wenigen zuſteht,
und einer, der von dieſem Übel ergriffen iſt, ſteckt viele
an. Den Guten es gleichtun, iſt gewagt, Nachahmen
ſchwierig: daher wird täglich ſowohl die Zahl der Kranken
1 „Unnötig“, daher „unedel“.
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