Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-4
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (4)
[1919]
Seite: 169
(PDF, 113 MB)
Bibliographische Information
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Ein Tag am Quell von Vauecluſe. 169

als die Gewalt der Krankheit bedenklicher, täglich wird
mehr, täglich ſchlechter geſchrieben, denn nachtreten iſt
leichter als ſelbſt anſtreben.
„In der Tat in Erfüllung gegangen und durch die Zeit
5 noch berühmter geworden iſt der Ausſpruch jenes hebräi-
ſchen Weiſen: ‚Des vielen Büchermachens iſt kein Ende
mehr'.“ L
Gaudium. „Doch ſchreib' ich.“
Ratio. „O daß doch die Menſchen ſich innerhalb ihrer
10 Schranken hielten und die Ordnung der Dinge. beſtehen
bliebe, die jetzt durch der Sterblichen Vermeſſenheit um—
geſtoßen wird: ſchreiben ſollen die, die etwas wiſſen und
können, die andern ſollen leſen oder zuhören! Iſt es denn
ſo ein kleiner Genuß des Geiſtes, etwas zu verſtehen,
1s auch wenn die Hand nicht alſogleich anſpruchsvoll zur
Feder greift? und iſt ein jeder, der einmal etliche Seiten
eines Buches verſtanden hat oder zu verſtehen glaubt,
darum ſogleich fähig, ſelber Bücher zu ſchreiben?
„Möchte man doch dem Gedächtnis jenes Wort Ci—
20 ceros einprägen, das er auf ſeinem Tuskulum ſprach: ‚Es
iſt möglich, daß einer richtig denkt und doch, was er denkt,
nicht beredt ausdrücken kann.“
„Und jenes andere: ‚Wer aber ſeine Gedanken zu
Büchern ausſpinnt, ohne daß er ſie zu disponieren oder
25 zu erläutern oder mit irgendeinem Reiz den Leſer anzu⸗
locken verſteht, der iſt ein ſeine Muße wie die Wiſſenſchaft
unanſtändig mißbrauchender Menſch.“
„Wie ſehr hat Cicero recht — er, der einſt nicht aus
trocken rinnenden Bächlein, ſondern aus dem Quell der
30 Wahrheit ſelber das ſchöpfte, was er ſchrieb.
„Und doch ſchreibt jetzo ein jeder — nicht nur fremde
Schriften, ſondern auch eigene, neue; zweifelhafte und
verdammte Lehren werden in die Welt eingeführt und in
ungebildetem, bäueriſchem Stil vorgetragen, ſo daß, wenn
55 auch die Kraft des Ingeniums darin fehlt, jedenfalls an
Verluſt der Zeit, Plage der Ohren und ſchwerem Ekel
kein Mangel gelitten wird. Das iſt heutzutag die Frucht
der Erfindungen: Infizieren oder Affizieren, nie—


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